Paulus wollte den Vorwurf der Entfremdung vom Judentum in Jerusalem entkräften.
Die Zuhörer ließen sich jedoch nicht überzeugen, dass es ein göttlicher Auftrag war, Nichtjuden den Gott Israels nahe zu bringen.
In Apostelgeschichte 22,17-18 heißt es: „Eines Tages betete ich im Tempel. Da erschien mir der Herr in einer Vision und sagte: ›Beeil dich und verlasse Jerusalem so schnell wie möglich, denn die Menschen in dieser Stadt werden dir nicht glauben, was du von mir sagst.‹“ … 21 Doch der Herr befahl: ›Geh, denn ich will dich weit weg zu den nichtjüdischen Völkern senden.‹«
Weder eine hochkarätige Ausbildung noch das persönliche Erleben vermögen die Zuhörer zu überzeugen. Sie haben sich in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der Jesusbewegung verhärtet. Alle Argumente nützen nichts. Doch Gott lässt Paulus nicht im Stich.
Gute Argumente und persönliche Erfahrungen führen nicht automatisch zum Glauben. Gott lässt sich von den Menschen finden, die ihn suchen.
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Paulus spricht zum Volk
In Apostelgeschichte 22 stellt sich Paulus nach seiner Festnahme in einer Verteidigungsrede vor dem Volk als loyaler Jude dar. Es sagt, er sei vom „Gott der Väter“ aufgefordert worden, allen Völkern Zeugnis abzulegen. Nun habe Gott ihn wieder nach Jerusalem gesandt, um hier Zeugnis abzulegen.
Paulus ist theologisch bestens ausgebildet. Er studierte bei Rabban Gamaliel dem Älteren, dem damals höchsten jüdischen Gelehrten und Enkel von Hillel. Gamaliel war ein Pharisäer und ein im Volk hoch angesehener Gesetzeslehrer. Er war ein jüdischer Patriarch (ca. 9 bis ca. 50 n. Chr.) und die bedeutendste Persönlichkeit des rabbinischen Judentums um die Mitte des ersten Jahrhunderts. In Apostelgeschichte 5,34–42 setzte sich Gamaliel für die Apostel ein. In der Jesusbewegung gab es auch andere Gelehrte, beispielsweise Nikodemus und Priester (Apg. 6,7).
Paulus macht deutlich, dass Jesus es persönlich nimmt, wenn man seine Nachfolger verfolgt. Es war eine Begegnung mit Jesus, die Paulus zum Umdenken bewegte und ihn den „neuen Weg“ gehen ließ.
Als Paulus davon erzählt, dass Gott ihn im Tempel dazu berufen hat, den Nichtjuden von Gott zu erzählen, wird der wunde Punkt offensichtlich.
In Apostelgeschichte 21,28 wird Paulus vorgeworfen: „Das ist er, der mit seiner Lehre überall gegen unser Volk, gegen das Gesetz und gegen diesen Tempel hetzt! Und nicht genug damit! Jetzt hat er sogar Nichtjuden in den Tempel gebracht und dadurch diese heilige Stätte entweiht!“
Paulus wollte den Vorwurf der Entfremdung vom Judentum entkräften. Aufgrund seiner christenfeindlichen Vergangenheit müssten doch die Juden ihm Glauben schenken.
Die Zuhörer ließen sich jedoch nicht überzeugen, dass es ein göttlicher Auftrag war, Nichtjuden den Gott Israels nahe zu bringen.
In Antiochia in Pisidien sagte es Paulus so: „Der Herr hat uns befohlen: ›Ich habe dich zum Licht für alle Völker gemacht, damit du der ganzen Welt die Rettung bringst.‹“ (Apostelgeschichte 13,47). Damit bezog er sich auf Jesaja 49,6, wo über den Messias steht: „Ich habe dich zum Licht für alle Völker gemacht, damit du der ganzen Welt die Rettung bringst, die von mir kommt!“
Weder eine hochkarätige Ausbildung noch das persönliche Erleben vermögen die Zuhörer zu überzeugen. Sie haben sich in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der Jesusbewegung verhärtet. Alle Argumente nützen nichts. Doch Gott lässt Paulus nicht im Stich. Nun müssen sich die Römer mit ihm beschäftigen, denn Paulus beruft sich auf sein römisches Bürgerrecht.
Paulus wurde in Tarsus, in der heutigen Türkei, in eine jüdische Familie aus dem Stamm Benjamin hineingeboren (Römer 11,1 / Philipper 3,5). Durch seinen Vater erhielt er das römische Bürgerrecht und genoss damit mehr Bewegungsfreiheit und Rechte als andere Menschen im Römischen Reich. Tarsus war ein Zentrum stoischer Philosophie. Die Einwohner der Stadt übertrafen in ihrem Eifer für Philosophie und Bildung sogar Athen und Alexandria (vgl. Apostelgeschichte 21,39). Das hat auch Paulus geprägt.
In der Bibel tritt Paulus erstmals bei der Steinigung des Stephanus in Erscheinung. Er war Teil der Entscheidung des Sanhedrins und bewachte die Kleider der Urteilsvollzieher (Apostelgeschichte 7,58).
Anschließend verfolgte er die Jesus-Nachfolger bis nach Damaskus in Syrien. Auf dem Weg dorthin erschien ihm ca. 37 n. Chr. Jesus. Bei dieser Begegnung erblindete Paulus. Durch das Gebet des Hananias erhielt er sein Augenlicht wieder (Apostelgeschichte 9,1–18).
In Galater 1,17 steht, dass Saulus sich in Arabien aufhielt und anschließend nach Damaskus zurückkehrte. Paulus verbrachte wahrscheinlich einige Zeit in Petra. Denn in 2.Korinther 11,32-33 schreibt Paulus, dass König Aretas die Stadttore in Damaskus bewachen ließ. König Aretas IV. herrschte von 9 v. Chr. bis 40 n. Chr. über Nabatäa. Am wahrscheinlichsten ist, dass Paulus das Evangelium in Arabien-Petra, außerhalb der jüdisch-römischen Macht, verbreitete und der König ihn verhaften wollte. Nach etwa 3 Jahren kehrte Paulus wieder nach Damaskus zurück.
Dort konnte er mit den jüdischen Schriften nachweisen, dass Jesus der jüdische Messias ist. Das brachte Aretas wieder auf den Plan, sodass Paulus fliehen musste (Apostelgeschichte 9,23–25).
Als Paulus nach Jerusalem kam, fürchteten sich alle Jesus-Nachfolger vor ihm, da sie ihn als Verfolger kannten. Barnabas schenkte ihm jedoch Vertrauen (Apostelgeschichte 9,27) und führte ihn zu Petrus und Jakobus, dem Bruder Jesu (Galater 1,18–19). In Jerusalem trat Paulus zunächst nicht öffentlich auf (Galater 1,22). Anscheinend entstand zwischen ihm und hellenistischen Juden ein Streitgespräch. Hier könnte die in Vers 17 erwähnte Vision stattgefunden haben. Danach ging Paulus in die griechische Hochburg Tarsus (Apostelgeschichte 9,29–31).
Gott schickte Paulus zuerst zu den Nichtjuden und nun nach Jerusalem. Gott verfolgt seine eigene Strategie. Gute Argumente und persönliche Erfahrungen führen nicht automatisch zum Glauben. Gott lässt sich von den Menschen finden, die ihn suchen.
Paulus spricht zum Volk
1 »Ihr Männer, liebe Brüder und Väter! Hört euch an, was ich zu meiner Verteidigung sagen möchte.« 2 Als die Juden merkten, dass Paulus auf Aramäisch zu ihnen redete, wurden sie noch stiller, und er konnte ungehindert weitersprechen:
3 »Ich bin Jude, geboren in Tarsus, einer Stadt in Zilizien. Erzogen wurde ich hier in Jerusalem. Als Schüler von Gamaliel habe ich gelernt, streng nach dem Gesetz unserer Vorfahren zu leben. Ebenso wie ihr wollte ich nichts anderes, als Gottes Gebote zu erfüllen.
4 Deshalb habe ich die neue Lehre der Christen (diesen Weg) auch bis auf den Tod bekämpft. Männer und Frauen ließ ich festnehmen und ins Gefängnis werfen. 5 Das können der Hohepriester und der ganze Hohe Rat bezeugen. Von ihnen bekam ich Empfehlungsschreiben für die jüdische Gemeinde in Damaskus. Sie gaben mir die Vollmacht, die Christen in jener Stadt gefesselt hierher nach Jerusalem zu bringen und zu bestrafen.
6 Als ich auf meiner Reise Damaskus schon fast erreicht hatte, umgab mich zur Mittagszeit plötzlich vom Himmel her ein strahlend helles Licht. 7 Ich fiel zu Boden und hörte eine Stimme: ›Saul, Saul, warum verfolgst du mich?‹ 8 ›Wer bist du, Herr?‹, fragte ich und hörte als Antwort: ›Ich bin Jesus aus Nazareth, den du verfolgst.‹ 9 Meine Begleiter sahen genauso wie ich das Licht, aber sie verstanden nicht, was gesagt wurde. 10 ›Was soll ich tun, Herr?‹, fragte ich nun, und der Herr antwortete mir: ›Steh auf! Geh nach Damaskus. Dort wird man dir sagen, welche Aufgabe Gott für dich bestimmt hat.‹
11 Von dem hellen Licht war ich so geblendet, dass ich nicht mehr sehen konnte und meine Begleiter mich nach Damaskus führen mussten. 12 Dort lebte ein Mann, der Hananias hieß. Er war fromm und hielt sich gewissenhaft an das Gesetz, so dass er bei allen Juden in Damaskus hoch angesehen war. 13 Dieser Mann kam zu mir und sagte: ›Lieber Bruder Saul, du sollst wieder sehen können!‹ Sofort wurden meine Augen geöffnet, und ich sah ihn vor mir stehen. 14 Dann erklärte er mir: ›Der Gott unserer Vorfahren hat dich erwählt, seinen Willen zu erkennen. Du durftest seinen Sohn sehen, der als Einziger vollkommen gerecht ist, und durftest hören, wie er selbst zu dir spricht. 15 Denn du sollst allen Menschen gegenüber das bezeugen, was du gesehen und gehört hast. 16 Zögere also nicht länger! Lass dich taufen und bekenne dich damit zu Jesus, dem Herrn! Dann wirst du von deinen Sünden reingewaschen werden.‹
17 Später kehrte ich nach Jerusalem zurück. Eines Tages betete ich im Tempel. Da erschien mir der Herr in einer Vision 18 und sagte: ›Beeil dich und verlasse Jerusalem so schnell wie möglich, denn die Menschen in dieser Stadt werden dir nicht glauben, was du von mir sagst.‹ 19 ›Herr‹, antwortete ich, ›aber gerade sie müssten doch wissen, dass ich alle, die an dich glaubten, ins Gefängnis werfen und in den Synagogen auspeitschen ließ. 20 Als dein Zeuge Stephanus getötet wurde, stand ich dabei; ich hatte in die Steinigung eingewilligt und bewachte die Kleider seiner Mörder.‹ 21 Doch der Herr befahl: ›Geh, denn ich will dich weit weg zu den nichtjüdischen Völkern senden.‹«
22 Bis dahin hatten alle Paulus ruhig angehört. Doch nun begannen sie zu schreien: »Weg mit ihm! Er darf nicht länger leben!« 23 Voller Empörung zerrissen sie ihre Kleider und wüteten, dass der Staub hoch aufwirbelte.
24 Da ließ der Kommandant Paulus in die Festung bringen und befahl, ihn auszupeitschen und zu verhören. Auf diese Weise wollte er erfahren, weshalb die Menge so erregt den Tod von Paulus forderte. 25 Man hatte den Apostel bereits zum Auspeitschen festgebunden, als Paulus den dabeistehenden Hauptmann fragte: »Seit wann ist es bei euch erlaubt, einen römischen Bürger auszupeitschen, noch dazu ohne Gerichtsurteil?« 26 Der Hauptmann lief zum Kommandanten und benachrichtigte ihn: »Der Mann ist ein römischer Bürger! Was willst du jetzt tun?« 27 Da ging der Kommandant selbst zu Paulus und fragte ihn: »Stimmt es, dass du ein römischer Bürger bist?« – »Ja, das stimmt«, erwiderte Paulus. 28 Der Kommandant erklärte: »Ich habe für dieses Bürgerrecht ein Vermögen gezahlt.« »Ich aber wurde schon als römischer Bürger geboren«, erwiderte Paulus. 29 Die Soldaten, die ihn verhören sollten, banden ihn sofort los, denn der Kommandant fürchtete, Schwierigkeiten zu bekommen, weil er befohlen hatte, einen römischen Bürger auszupeitschen.
Hanspeter Obrist, Oktober 2025
Impuls aus dem offenen Bibel-Treff Ebnat-Kappel
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