Die von den Jesus-Nachfolgern erwartete Wiederkunft Jesu blieb aus. Johannes war der letzte noch lebende Apostel. In diese spannungsvolle Situation hinein schenkte Gott Johannes Ende des ersten Jahrhunderts Visionen, um die wartenden Gemeinden in ihrer Bedrängnis zu stärken.
Das Buch soll in den Gemeinden vorgelesen werden (Offenbarung 1,3), damit die Menschen auf dem Weg mit Jesus Trost und Zuversicht erhalten und sich auf ihn ausrichten. Sie ist die Erfüllung des „Vaterunsers“: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf Erden“.
Jesus, der hohepriesterliche König, ist inmitten seiner Gemeinden (Leuchter). Wir leben vom Geheimnis seiner unmittelbaren Gegenwart. Das ist die verborgene Kraft in aller Ohnmacht. Christus schenkt uns seine Nähe.
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Die Offenbarung Jesu
Die von den Jesus-Nachfolgern erwartete Wiederkunft Jesu blieb aus. Johannes war der letzte noch lebende Apostel. In diese spannungsvolle Situation hinein schenkte Gott Johannes Ende des ersten Jahrhunderts Visionen, um die wartenden Gemeinden in ihrer Bedrängnis zu stärken.
Wer war eigentlich Johannes? Sein Name bedeutet „Gott ist gnädig“. Er war von Beruf Fischer und hatte einen temperamentvollen Charakter. So bezeichnete Jesus ihn als Sohn des Donners (Markus 3,17). Johannes gehörte zum inneren Kreis um Jesus und war der einzige Jünger, der unter dem Kreuz stand. Er hatte eine enge Beziehung zu Jesus und bezeichnet sich selbst als den Jünger, der sich von Jesus geliebt weiß (Johannes 13,23; 19,26; 20,2; 21,7.20). Ihm vertraute der sterbende Jesus seine Mutter an (Johannes 19,25-26). Als erster Jünger wurde er Zeuge des leeren Grabes (Johannes 20,4-5). Nach Pfingsten bewirkten Johannes und Petrus die erste Heilung (ein Gelähmter im Tempel, Apostelgeschichte 3,1-11). Sie traten öffentlich im Tempel auf und trafen auf den Widerstand der Autoritäten (Apostelgeschichte 4,1-2.13). Beide genossen das Vertrauen der Urgemeinde.
Nach der Zerstörung von Jerusalem im Jahr 70 wurde Ephesus zu einem Zentrum für Christen. Auch Johannes lebte in Ephesus. Im Jahr 95 wurde er, während der Verfolgung unter Kaiser Domitian, auf die Insel Patmos verbannt, wo er Visionen hatte. Diese schrieb er im Buch der Offenbarung nieder. Nach dem Tod Domitians im September 96 konnte Johannes nach Ephesus zurückkehren, wo er das Johannesevangelium schrieb. Er lebte noch bis zur Regierungszeit von Trajan (98–117) in Ephesus. Sein Grab befindet sich in Ephesus.
In der Offenbarung (griechisch Apokalypsis/ἀπο-κάλυψις, wörtlich: „Entschleierung“) enthüllt Jesus den Gemeinden durch Johannes, was noch geschehen wird. Das Buch öffnet den Vorhang und zeigt Jesus in seiner ganzen Herrlichkeit und seinen endgültigen Sieg. Das Buch soll in den Gemeinden vorgelesen werden (Offenbarung 1,3), damit die Menschen auf dem Weg mit Jesus Trost und Zuversicht erhalten und sich auf ihn ausrichten. Als Königskinder sind wir in Bedrängnis und müssen Ausharren (Vers 9).
Die Offenbarung soll nicht Grundlage für Spekulationen sein. Viele Ausdrücke entstammen der prophetischen Tradition von Jeremia, Hesekiel, Daniel und Sacharja. Die Verwendung von Symbolworten ist typisch für die biblische Prophetie.
Das Werk ist nicht immer chronologisch aufgebaut, sondern enthält auch thematische Einlagen oder beschreibt manche Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven.
Die Offenbarung ist kein Fahrplan für die Endzeit, sondern beschreibt Gottes Heilsplan. Sie ist die Erfüllung des „Vaterunsers“: „Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf Erden.“
In der Offenbarung wird beschrieben, was passiert, wenn Gott eingreift. Gott sagt zu seiner bedrängten Gemeinde: „Ich habe alles im Griff.“ Das Wissen um die Vollendung in der Zukunft gibt den Gläubigen Kraft und Hoffnung für die Gegenwart.
Offenbarung 1 beginnt mit einer Einleitung und stellt die zentrale Person des Buches in den Mittelpunkt. Jesus ist die für uns sichtbare göttliche Person. Er liebt uns und führt uns zurück zu unserer Bestimmung (Offenbarung 1,5). Er ist der Ursprung und die Quelle aller Dinge und wird alles zu Ende führen. Im Eingangswort steht dreimal: „Er kommt“ (Offenbarung 1,4.7.8). Zukunft bedeutet, jemand oder etwas kommt auf uns zu (Zu-kunft). In Jesus offenbart sich Gott und kommt uns entgegen. Gott sucht uns wie im Garten Eden (1.Mose 3,9).
Johannes schreibt an die sieben Gemeinden (Offenbarung 1,4). Der Begriff „Gemeinden/Kirche“ (ἐκκλησίαίς, Ekklesiais) bedeutet wörtlich „die Herausgerufenen“. Die Sieben steht für ein abgeschlossenes, erfülltes Ganzes, das von Gott gewollt und eingesetzt ist, wie es bei der Schöpfung der Fall war (1.Mose 2,2). In der Offenbarung tritt die Zahl „Sieben“ häufig auf.
Die sieben Geister (oder: „der siebenfache Geist“) erinnern an Jesaja 11,2: „Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN (JHWH), der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und Furcht des HERRN.“
Nur die Offenbarung und das Johannesevangelium beschreiben Jesus als „Zeugen“ (Vers 5 / griechisch „martys“; Johannes 5,31-32) und als „das Lamm“ (Offenbarung 5,6.8; Johannes 1,29), was Johannes als den gleichen Autor bestätigt. Die Bezeichnung „Herrscher über Könige“ war der Titel für den römischen Kaiser. Jesu Merkmal ist, dass er uns liebt. Er ist für seine Gemeinden der hohepriesterliche König (Brustgürtel Vers 13) und führt uns zu unserer Bestimmung zurück. Als Priester (Gottes Repräsentanten) dienen wir Gott und einander (Offenbarung 1,6).
In der Bibel werden Wolken mit Gott in Verbindung gebracht. Sie sind das Gewand der göttlichen Herrlichkeit (Offenbarung 1,7), ohne das niemand die Herrlichkeit Gottes ertragen könnte. Das Wort „Himmel“ heißt auf Hebräisch „Schamaim“ (שמים). Man hört zugleich „scham Maim“. Das bedeutet „dort Wasser“. Aus den Wolken kommt das Wasser, das Leben spendet. Alles Leben kommt von Gott.
Die Wolken erinnern auch an Daniel 7,13-14: „Siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie der Sohn eines Menschen. … 14 ihm wurde Herrschaft und Ehre und Königtum gegeben, und alle Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm (beteten ihn an). Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergeht, und sein Königtum so, dass es nicht zerstört wird.“
Und in Matthäus 24,30 heißt es: „Und dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen; und dann werden wehklagen alle Stämme des Landes, und sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit großer Macht und Herrlichkeit.“
Jesus ist die göttliche Schlüsselperson für uns Menschen. Wir warten darauf, dass er offen und für alle sichtbar wiederkommt. Für die Glaubenden ist seine Wiederkunft ein Grund zur Freude, für alle, die nicht wahrhaben wollten, dass er der Sohn Gottes ist, ist sie ein Grund zum Jammern und Klagen (Offenbarung 1,7).
Bereits Sacharja berichtet darüber: Sacharja 12,10: „Aber über das Haus David und über die Bewohnerschaft von Jerusalem gieße ich den Geist der Gnade und des Flehens aus, und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen, wie man über den einzigen Sohn wehklagt, und werden bitter über ihn weinen, wie man bitter über den Erstgeborenen weint.“
„Alpha und Omega“ (Offenbarung 1,8) sind die ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabets (vgl. Offenbarung 1,17). Dieser Ausdruck wird sowohl für den Vater als auch für den Sohn verwendet. Gott offenbart sich durch Jesus. Das schließt alles mit ein. Er ist der Ursprung und die Quelle aller Dinge und er wird alles zu Ende führen. Nichts geht über ihn hinaus. Das Alpha und Omega zeigen an, dass das Buch an griechisch sprechenden Gemeinden gerichtet ist. Das ganze Neue Testament ist in Griechisch abgefasst.
Die Formulierung „Gott, der war, der ist und der kommt“ (Offenbarung 1,8) drückt aus, dass Gott konstant ist. Genau so stellt er sich auch dem Mose vor: „Ich bin“ (2.Mose 3,14).
Die Insel Patmos diente den Römern als Verbannungsort (Offenbarung 1,9). Johannes wurde dorthin geschickt, weil er treu das Evangelium verkündete. Die Römer wollten Johannes zum Schweigen bringen. Er litt sehr darunter. Aus Gottes Perspektive wird diese Zeit jedoch zum Segen für zukünftige Generationen, indem er Johannes ein Buch schreiben lässt (Offenbarung 1,11.19).
Der hier erwähnte „Tag des Herrn“ (Offenbarung 1,10) bezeichnet, anders als an anderen Stellen in der Bibel, den Sonntag. Es war der Tag, an dem sich die Jünger gewöhnlich versammelten, um das Brot zu brechen (Apostelgeschichte 20,7). Es ist buchstäblich der „dem Herrn gehörende“ Tag (κυριακός / küriakos).
Johannes hört eine Stimme (Offenbarung 1,12). Das Geheimnis der Offenbarung ist, dass hier nicht jemand philosophiert, sondern eine Botschaft von Gott niedergeschrieben wurde. Johannes hört die Stimme Jesu und schreibt auf, was er sieht und hört. Wenn unser Ohr aufgeht und wir anfangen zu hören und zu verstehen, was Gott uns sagen will, geschieht eine große Veränderung in unserem Leben. Dafür ist eine neue Blickrichtung nötig: Gott liebt uns und meint es gut mit uns. Es ist eine Grundentscheidung, was wir sehen wollen. Sehen wir in allem, was mit uns geschieht, einen Gott, der es gut mit uns meint, oder sehen wir einen Gott, der uns etwas vorenthalten will?
Als Johannes sich umdreht, sieht er Jesus inmitten von sieben goldenen Leuchtern. Diese sind laut Vers 20 ein Bild für die sieben Gemeinden. Die sieben Lampen erinnern an den Menora-Leuchter. Dieser hatte sieben Lampen und erleuchtete das Heiligtum in der Stiftshütte (4.Mose 8,2). Im Tempel waren es zehn Leuchter (2.Chronik 4,7).
Die Bezeichnung „Menschensohn“ (Offenbarung 1,13) bedeutet „in der Gestalt eines Menschen“. Es ist die Eigenbezeichnung von Jesus. In Hesekiel 1,26 steht: „oben auf ihm (auf dem Thron) eine Gestalt, dem Aussehen eines Menschen gleich.“ Vergleiche auch den zuvor zitierten Daniel 7,13-14.
Jesus, der hohepriesterliche König, ist inmitten seiner Gemeinden (Leuchter). Wir leben vom Geheimnis seiner unmittelbaren Gegenwart. Das ist die verborgene Kraft in aller Ohnmacht. Christus schenkt uns seine Nähe.
Das zweischneidige Schwert (Offenbarung 1,16) in seinem Mund erinnert an Hebräer 4,12: „Denn das Wort Gottes ist … schärfer als jedes zweischneidige Schwert … zur Scheidung von Seele und Geist, … ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens“. Jesus sagte bereits: „Ich bin in diese Welt gekommen, damit sich an mir die Geister scheiden“ (Johannes 9,39 Hfa). Mit unserer Reaktion auf die Worte Jesu sprechen wir uns selbst das Urteil.
Im Angesicht des göttlichen Jesus verlässt Johannes all seine eigene Kraft (Offenbarung 1,17). Der Zuspruch an Johannes lautet: „Fürchte dich nicht. Ich habe die Schlüssel des Todes“ (Offenbarung 1,17). Jesus hat alle Autorität in seiner Hand.
Das Buch der Offenbarung
1 Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gab, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss; und indem er sie durch seinen Engel sandte, hat er sie seinem Knecht Johannes kundgetan, 2 der das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi bezeugt hat, alles, was er sah. 3 Glückselig, der liest und die hören die Worte der Weissagung und bewahren, was in ihr geschrieben ist! Denn die Zeit ist nahe.
4 Johannes den sieben Gemeinden, die in Asien sind: Gnade euch und Friede von dem, der ist und der war und der kommt,
und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind,
5 und von Jesus Christus, der der treue Zeuge ist, der Erstgeborene der Toten und der Fürst der Könige der Erde! Dem, der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut
6 und uns gemacht hat zu einem Königtum, zu Priestern seinem Gott und Vater:
Ihm (Jesus) sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
7 Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch die, welche ihn durchstochen haben, und wehklagen werden seinetwegen alle Stämme der Erde. Ja, Amen.
8 Ich bin das Alpha und das Omega, spricht der Herr, Gott, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige.
9 Ich, Johannes, euer Bruder und Mitteilhaber an der Bedrängnis und am Königtum und am Ausharren in Jesus, war auf der Insel, die Patmos genannt wird, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. 10 Ich war an des Herrn Tag im Geist, und ich hörte hinter mir eine laute Stimme wie von einer Posaune, 11 die sprach:
Was du siehst, schreibe in ein Buch und sende es den sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea!
12 Und ich wandte mich um, die Stimme zu sehen, die mit mir redete, und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter, 13 und inmitten der Leuchter einen, gleich einem Menschensohn, bekleidet mit einem bis zu den Füßen reichenden Gewand, und an der Brust umgürtet mit einem goldenen Gürtel, 14 sein Haupt aber und die Haare waren weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme, 15 und seine Füße gleich glänzendem Erz, als glühten sie im Ofen, und seine Stimme wie das Rauschen vieler Wasser, 16 und er hatte in seiner rechten Hand sieben Sterne, und aus seinem Mund ging ein zweischneidiges, scharfes Schwert hervor, und sein Angesicht war, wie die Sonne leuchtet in ihrer Kraft.
17 Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot. Und er legte seine Rechte auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18 und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Hades.
19 Schreibe nun, was du gesehen hast und was ist und was nach diesem geschehen wird!
20 Was das Geheimnis der sieben Sterne, die du auf meiner Rechten gesehen hast, und die sieben goldenen Leuchter betrifft: Die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.