In den ersten drei Kapiteln des Epheserbriefs macht Paulus deutlich, dass Christus in uns allen wohnt. Demzufolge müssten wir uns alle bestens verstehen und ein Herz und eine Seele sein. Doch dann überrascht es, was Paulus im vierten Kapitel schreibt:
„1 Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn: Wandelt würdig der Berufung, mit der ihr berufen worden seid, 2 mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander in Liebe ertragend!“
Paulus fordert uns also auf, einander in Liebe, Demut, Sanftmut und Geduld zu ertragen. Wir würden wahrscheinlich lieber Gleiches zu Gleichem gesellen, so wie wir Gläser und Flaschen und andere Dinge ordnen. Was genau meint Paulus mit „einander in Liebe ertragend”?
In Vers 3 fährt er fort: „Befleißigt euch, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens: 4 Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung! 5 Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 6 ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in allen ist.“
Zunächst erwähnt er die Einheit im Geist (Vers 3). Paulus erlebt immer wieder, dass Menschen versuchen, den Glauben durch religiöse Formen und Traditionen zu ersetzen und die Einheit aufzuspalten. In seiner Zeit sind es vor allem Menschen, die fordern, dass sich die Männer beschneiden und zum Judentum konvertieren müssen. Paulus entgegnet, dass es nur einen Glauben gibt. Anstatt sich voneinander abzugrenzen und einander den Glauben abzusprechen, sollen wir die Einheit im Geist bewahren. Mit dem Ausdruck „ertragt einander in Liebe“ wird deutlich, das Christsein nicht Friede, Freude, Eierkuchen ist, sondern eine Liebe, die unterschiedliche Ansichten und Glaubensstile aushält.
In den ersten Gemeinden war die Frage aktuell, ob Nichtjuden zum Judentum konvertieren müssen. Dies war der springende Punkt beim Apostelkonzil in Jerusalem (Apostelgeschichte 15). In Römer 14,5 schreibt Paulus: „Der eine hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält jeden Tag gleich. Jeder aber sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt! … 13 Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern haltet vielmehr das für recht, dem Bruder keinen Anstoß oder keinen Fallstrick zu bieten!“ Es gibt Themen, bei denen wir unterschiedliche Meinungen haben können. Zugleich gibt es aber auch zentrale Dinge, an denen wir festhalten.
Auf dem Brunnen vor dem Dömli in Ebnat-Kappel steht: „Im Wesentlichen Einheit / im Zweifelhaften Freiheit / in allem Liebe.“
Dieser Spruch stammt aus dem 17. Jahrhundert. Er wurde vom kroatischen Bishop Markus Antonius de Dominis (1560–1624) und dem lutherischen Theologen Peter Meiderlin (1582–1651) verwendet. IN NECESSARIIS UNITAS, IN DUBIIS LIBERTAS, IN OMNIBUS CARITAS. Auf Deutsch heißt das etwa: „In notwendigen Dingen Einheit. In zweifelhaften Dingen Freiheit. In allen Dingen Liebe“. Damit ist gemeint: Wenn wir im Notwendigen Einheit wahren, im Nicht-Notwendigen Freiheit und in beiden Liebe, dann würde es uns besser gehen. Später schrieb man den Spruch Augustinus zu.
Paulus beschreibt die Hauptsache im Epheserbrief wie folgt: „Uns, die wir in den Vergehungen tot waren, sind mit Christus lebendig gemacht … 8 aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben“ (Epheser 2,5). Für Paulus war die Hauptsache, dass wir durch unser tägliches Vertrauen (Glauben) in Jesus am ewigen Leben Anteil haben. Ohne Glauben bleiben wir tot.
Welche Tage wie gefeiert werden, das ist für Paulus Nebensache. Wir sollen nur nicht rücksichtslos werden (Römer 14,13).
In Vers 7 schreibt Paulus weiter: „Jedem Einzelnen von uns aber ist die Gnade nach dem Maß der Gabe Christi gegeben worden. 8 Darum heißt es: »Hinaufgestiegen in die Höhe, hat er Gefangene gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben.« (Psalm 68,19) 9 Das Hinaufgestiegen aber, was besagt es anderes, als dass er auch hinabgestiegen ist in die unteren Teile der Erde? 10 Der hinabgestiegen ist, ist derselbe, der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel, damit er alles erfüllte.
11 Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, 12 zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi.“
Der Gedanke der Ergänzung zeigt auf, dass Unterschiedlichkeit zum System gehört. Jesus verteilt die Gaben (Vers 7). Die Idee ist, dass wir einander zudienen und uns nicht gegenseitig ausspielen. Das Reich Gottes bedeutet, dass keiner über dem anderen steht, sondern dass wir füreinander da sind. Je näher wir Christus kommen, desto mehr dienen wir wie Jesus den anderen (Markus 9,35). Wir sind alle ein Leib (Vers 4) und miteinander und mit Christus verbunden. Wenn dieses gegenseitige Dienen nicht funktioniert, dann wird die Kirche (der Leib) steif und bewegt sich nicht.
Paulus nennt fünf Dienste, die sich in Einheit ergänzen sollen.
- Der Dienst des Apostels beinhaltet die Fähigkeit, einen weitsichtigen Blick zu haben. Ein Apostel sieht, welche Haltungen wohin führen. Er konzentriert sich auf das Wesentliche und ignoriert Nebensächliches.
- Ein Prophet spricht ein göttliches Wort in eine bestimmte Situation hinein. Das kann auch ein persönliches Wort der Ermutigung sein.
- Der Evangelist kann das Evangelium so erklären, dass auch Menschen, die dem Glauben noch fernstehen, es verstehen.
- Der Hirte erkennt, was eine Gemeinschaft oder ein Mensch jetzt braucht und wie es ihnen geht.
- Ein Lehrer bringt die Dinge auf den Punkt und ordnet sie. Er erkennt biblische Zusammenhänge und kann sie verständlich weitergeben.
Das Ziel der christlichen Gemeinschaft ist nicht der Aufbau einer Organisation, sondern die organische Stärkung aller Herausgerufenen (ἐκκλησία, Ekklesia), damit jeder Einzelne mündig wird und sich nicht von jeder beliebigen Meinung aus der Bahn werfen lässt (Vers 14).
Petrus schreibt in 1.Petrus 4,10: „Wie jeder eine Gnadengabe empfangen hat, so dient damit einander als gute Verwalter der verschiedenartigen Gnade Gottes!“ Ein bunter Blumenstrauß entsteht durch Ergänzung und Vielfältigkeit.
In Vers 13 beschreibt Paulus das Ziel: „Bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Maß der vollen Reife der Fülle Christi. 14 Denn wir sollen nicht mehr Unmündige sein, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre durch die Betrügerei der Menschen, durch ihre Verschlagenheit zu listig ersonnenem Irrtum.“
Wir alle sollen zur Erkenntnis gelangen, dass Jesus der Sohn Gottes ist (Vers 13).
Jesus sagte: „Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern“ (Matthäus 28,19). Ein Jünger ist ein Lernender. Wir sollen also bereit sein, von Jesus zu lernen und stets die Haltung eines Lernenden zu bewahren. Wir stehen nicht im Dienst einer Organisation, sondern im Dienst für Jesus in dieser Welt.
Ab Vers 15 schreibt Paulus: „Lasst uns aber die Wahrheit reden in Liebe und in allem hinwachsen zu ihm, der das Haupt ist, Christus. 16 Aus ihm wird der ganze Leib zusammengefügt und verbunden durch jedes der Unterstützung dienende Gelenk, entsprechend der Wirksamkeit nach dem Maß jedes einzelnen Teils; und so wirkt er das Wachstum des Leibes zu seiner Selbstauferbauung in Liebe.
Mit dem Bild vom Leib Christi macht Paulus deutlich, dass wir alle vom Haupt abhängig sind und wir in unserer Unterschiedlichkeit einander ergänzen (Vers 16). Der Fokus liegt darauf, Menschen aufzubauen und sie in ihrer von Gott gegebenen Bestimmung zu unterstützen.
Teresa von Avila (1515–1582), eine spanische Mystikerin aus dem 16. Jahrhundert, drückte es so aus: „Christus hat keinen Körper außer deinem. Keine Hände, keine Füße auf der Erde außer deinen. Es sind deine Augen, mit denen er sieht – er leidet mit dieser Welt. Es sind deine Füße, mit denen er geht, um Gutes zu tun. Es sind deine Hände, mit denen er die Welt segnet. Christus hat jetzt keinen Körper auf der Erde außer deinem.“
Ein wichtiger Aspekt ist: Wir sind nicht jeder für sich allein der Körper von Jesus Christus, sondern wir sind es gemeinsam. Alles andere würde uns maßlos überfordern. Es gibt nur einen Körper Jesu Christi, der über alle Zeiten und alle Kontinente hinweg existiert und innerhalb aller christlichen Gruppierungen in einzelnen Personen da ist. Gott will durch seine Geistesgemeinschaft in dieser Welt wahrnehmbar und gegenwärtig sein.
Die einzelnen Glieder des Leibes sind in Christus, dem Haupt, verknüpft (Vers 15). Alles führt zu Jesus hin. „So wirkt er das Wachstum“ (Vers 16).
Glauben ist ein Wachstumsprozess. Wir wachsen zu Jesus hin. Zunächst entdecken wir die Welt des Glaubens wie ein Kleinkind. Dann folgt die Trotz– oder Selbstfindungsphase. Das Ziel ist Mündigkeit, also dass wir nicht mehr von allem verunsichert werden. Danach folgt die Phase der Kooperation und der Elternschaft, in der wir emphatisch werden und Verantwortung übernehmen. Gott geht mit jedem einen einzigartigen Weg. Jeder trägt mit seinem Beitrag zum Ganzen bei und wir erleben eine große „Teilete“.
Spannend ist der Schlussgedanke. Jesus wirkt durch uns und ist so in dieser Welt gegenwärtig. Nicht wir bauen das Reich Gottes, sondern er gebraucht uns, damit auch andere sich für ihn begeistern lassen und so Teil einer weltweiten Bewegung durch alle Generationen und Denominationen werden.
Ebnat-Kappel 8. März 2026
Weitere Impulse zum Epheserbrief:
- Drei Gründe Gott zu loben 19. Januar 2026
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- Vom Tod zum Leben 4. Februar 2026
- Gott ist nicht fern 8. Februar 2026
- Das Geheimnis Gottes – sein Masterplan 22. Februar 2026
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