Gott ist nicht fern

Paulus möchte uns in Gottes Gedanken hineinnehmen. Zunächst hat er uns im Epheserbrief aufgezeigt, wie der dreieinige Gott in uns wirkt. Jesus ist die Schlüsselperson und Gott erweckt uns zum eigentlichen Leben. Nun spricht Paulus das elitäre Denken an. Gemeinsam sind wir Gottes Tempel. 

Ich lese in Epheser 2 ab Vers 11: „Deshalb denkt daran, dass ihr, einst aus den Nationen dem Fleisch nach – »Unbeschnittene« genannt von der sogenannten »Beschneidung«, die im Fleisch mit Händen geschieht – 12 zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremdlinge hinsichtlich der Bündnisse der Verheißung; und ihr hattet keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt.“

Im Judentum gibt es eine klare Abgrenzung zwischen Juden und Nichtjuden (biblische Bezeichnung: Heiden). Zur Zeit von Paulus gab es eine physische Trennmauer auf dem Tempelplatz (siehe Bild). Es handelte sich um eine ca. 1,2 Meter hohe Steinmauer, welche den eigentlichen Tempelbezirk vom sogenannten Vorhof der Heiden trennte. Der Historiker Flavius Josephus schreibt, dass in regelmäßigen Abständen Warnschilder angebracht waren.

Bei Ausgrabungen in den Jahren 1871 und 1935 fand man solche in Stein gemeißelten Warnungen, die auf Griechisch und Lateinisch abgefasst waren. Auf ihnen steht: „Kein Fremder darf eintreten innerhalb der Schranke der Einfriedung des Heiligtums! Wer ergriffen wird, ist für den Tod, der darauf folgen wird, selbst verantwortlich.“

Diese Mauer symbolisiert den Ausschluss der Nichtjuden von den Segnungen Israels. Zwar konnte ein Nichtjude auf die Hilfe Gottes hoffen, doch er war nicht Teil jüdischer Verheißungen.

In der Apostelgeschichte 21 wird Paulus angeklagt, er habe einen Nichtjuden in den Tempel gebracht (Apostelgeschichte 21,28–29). Es entstand ein großer Krawall.

Eine weitere Trennung bestand darin, dass religiöse Juden nie das Haus eines Nichtjuden betraten. Das sehen wir auch, als Jesus verurteilt wurde. Die Juden gingen nicht in das Haus des Pilatus (Johannes 19,4).

Um Petrus davon zu überzeugen, ins Haus des römischen Hauptmanns Kornelius zu gehen, musste Gott ihn mit einer Vision überzeugen (Apg. 10).

Als Jesus sich in der Gegend von Tyrus und Sidon aufhielt, wurde er von einer kanaanäischen Frau angesprochen. In Matthäus 15,24 sagte Jesus: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ „Es ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hunden hinzuwerfen.“ Darauf sagte sie: „Ja, Herr; doch es essen ja auch die Hunde von den Krumen, die von dem Tisch ihrer Herren fallen.“ Jesus ging dann auf ihre Bitte ein und ihre Tochter wurde gesund.

Dies ist ein starkes Bild, das die Trennung zwischen Juden und Nichtjuden zeigt.

Paulus fährt nun fort: 13 Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch das Blut des Christus nahe geworden. 14 Denn er ist unser Friede. Er hat aus beiden eins gemacht und die Zwischenwand der Umzäunung, die Feindschaft, in seinem Fleisch abgebrochen. 15 Er hat das Gesetz der Gebote in Satzungen beseitigt, um die zwei – Frieden stiftend – in sich selbst zu einem neuen Menschen zu schaffen 16 und die beiden in einem Leib mit Gott zu versöhnen durch das Kreuz, durch das er die Feindschaft getötet hat.“

In Jesus sind wir eins. Das elitäre Denken soll beendet werden. Gott spricht zu uns, indem er unsere Glaubensgeschwister gebraucht.

Der emeritierte katholische Neutestamentler Martin Ebner sagte: „Ein Charakteristikum des frühen Christentums sei die Aufhebung aller gesellschaftlich etablierten Standesgrenzen gewesen. Jede Über- und Unterordnung der Menschen wäre ein Widerspruch zum Glauben an Christus“. „So sollen die Aufgaben auf viele Schultern verteilt werden – und zwar nach Kompetenz und Ausbildung.“ „Vielmehr hätten sich die frühen Christen selbst als neuen Tempel verstanden und Jesus als dessen von Gott eingesetztes Zentrum.“ Die Sündenvergebung sei bereits prinzipiell durch den Tod Jesu bewirkt worden und werde, gemäß den Evangelien, einander von den Glaubenden zugesprochen.

Paulus schreibt, Jesus hat die Trennung zwischen Juden und Nichtjuden aufgehoben (Vers 15). Dies betrifft die rituellen Gebote, nicht aber die moralischen Gesetze, wie wir im Apostelkonzil sehen (Apg. 15).

Paulus schreibt weiter ab Vers 17: Und er kam und hat Frieden verkündigt euch, den Fernen, und Frieden den Nahen. 18 Denn durch ihn haben wir beide durch einen Geist den Zugang zum Vater. 19 So seid ihr nun nicht mehr Fremde und Nichtbürger, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. 20 Ihr seid aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, wobei Christus Jesus selbst Eckstein ist. 21 In ihm zusammengefügt, wächst der ganze Bau zu einem heiligen Tempel im Herrn, 22 und in ihm werdet auch ihr mit aufgebaut zu einer Behausung Gottes im Geist.“

Paulus sagt: Gott ist uns gegenwärtig. Wir sind der Tempel. Jeder von uns ist ein lebendiger Baustein.

Petrus schreibt in 1.Petrus 2,5: „Lasst euch auch selbst als lebendige Steine aufbauen, als ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum, um geistliche Opfer darzubringen, Gott hochwillkommen durch Jesus Christus!“

Nach Dietrich Bonhoeffer lebt Christus als der menschgewordene, gekreuzigte und auferstandene Gott in der Gestalt des Nächsten unter uns. (Barcelona, Berlin, Amerika 1928-1931, DBW Band 10, Seite 533).

In der Schrift „Gemeinsames Leben“ (DBW, Band 5, Seite 19 f) schreibt er: „Der Christ braucht den Christen, der ihm Gottes Wort sagt.“ Ebenfalls in „Gemeinsames Leben“ schreibt er: „Er (der Christ) braucht den Bruder als Träger und Verkündiger des göttlichen Heilswortes. … Der Christus im eigenen Herzen ist schwächer als der Christus im Worte des Bruders“. Worte sind mächtiger als Gedanken. Wir glauben, was wir hören und uns selbst sagen. Paulus sagt: „Der Glaube kommt aus dem Hören der Botschaft“ (Römer 10,17).

Paulus lehrt, einander so zu begegnen, wie Gott uns in Christus begegnet ist. „Nehmt einander auf, wie auch der Christus euch aufgenommen hat, zu Gottes Herrlichkeit!“ (Römer 15,7).

Gottesdienst bedeutet, füreinander da zu sein und nicht, sich voneinander abzusondern. Der Gedanke, dass Gott bei uns ist und wir ihn nicht in der Ferne suchen müssen, ist faszinierend.

Das wurde mir vor einigen Jahren so richtig bewusst, als mir eine an Jesus gläubige Katholikin sagte, dass sie nur vor der Monstranz in der Kirche so beten könne, wie ich es tue. Für sie war Jesus nur in der konsekrierten Hostie gegenwärtig. Die Bibel sagt: Gott ist in uns gegenwärtig. Jesus sagt: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Matthäus 18,20).

In Epheser 2,11-22 weist Paulus auf das Zentrale im Glauben an Jesus Christus hin. Im Reich Gottes gibt es keine ethnischen oder sozialen Unterschiede. Alle, die sich durch das Blut Jesu mit Gott versöhnen lassen, haben durch den Heiligen Geist Zugang zum himmlischen Vater und sind Teilhaber (Bürger) in Gottes Reich. Wir dienen einander. Wir sind gemeinsam Gottes Tempel. Gegründet auf Jesus ist Gott in uns allen gegenwärtig (er wohnt in uns). Gott ist nicht fern, sondern nah. Er ist durch den Heiligen Geist in uns. Wir müssen also nicht an einen bestimmten Ort oder zu einer Person gehen, um mit dem himmlischen Vater zu reden, sondern haben immer einen direkten Draht zu ihm. Dadurch wird der Glaube universal und es entfallen die jüdischen Gebote einer Pilgerreisen.

Aus allen Nationen kommend sind wir heute in Jesus Christus vereint. Es ist die Beziehung zu Jesus, die uns eint, nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bewegung oder gemeinsame Grundwerte. Jesus wünschte sich, dass wir in IHM eins werden (Johannes 17,22-23). So können wir unterschiedliche Traditionen und Glaubensstile aushalten, solange sie Jesus im Zentrum haben.

Die jüdische Identität liegt in der ethnischen Schicksalsgemeinschaft begründet. Christen sind eine Christusgemeinschaft. Ihre neue Identität gründet sich auf die direkte Verbundenheit eines jeden Einzelnen mit Jesus Christus.

In Afrika bekennen Christen gerne, wenn sie einen anderen Christen treffen: „Wir haben die gleiche Blutgruppe – denn wir sind durch sein Blut erlöst!“

In der Bibelgruppe Uznach lesen wir derzeit gemeinsam die Geschichte von Josef. Diese Geschichte ist eine Vorschau auf Jesus. Josef wurde unter Fremden groß. So ist auch Jesus unter Nichtjuden groß geworden. Durch die nichtjüdische Kultur hat er sich so verändert, dass ihn seine Brüder nicht mehr erkannten. So ist auch Jesus „westlich“ und „von Israel unabhängig“ geworden. Nun sind wir herausgefordert, den Bezug zu den Verheißungen Israels wieder aufzuzeigen, sodass wir wieder als Jesus gläubige Juden und Nichtjuden eins werden. Deshalb sprechen wir immer wieder die verschiedenen Bezugspunkte innerhalb der Bibel an.

Jesus selbst sagte, dass wir ein Tempel sind. In Johannes 2,19 sagt er: Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten. 20 Da sprachen die Juden: 46 Jahre ist an diesem Tempel gebaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? 21 Er aber sprach von dem Tempel seines Leibes.

Als Schlussbild möchte ich das Fenster in der ChristChurch in Jerusalem zeigen. Wir sehen einen Ölbaum und zwei Zweige. Einer symbolisiert die christliche Bewegung mit dem Kreuz. Der andere enthält die Menora als das Zeichen der messianischen Bewegung.

Paulus schreibt in Römer 11,24: „Denn wenn du aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgeschnitten und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel mehr werden diese, die natürlichen Zweige, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden!“

Und hier in Epheser 2,20 sagt Paulus: „Ihr seid aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, wobei Christus Jesus selbst Eckstein ist. 21 In ihm zusammengefügt, wächst der ganze Bau zu einem heiligen Tempel im Herrn.

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