Versöhnung durch das Kreuz

Der gekreuzigte Jesus erscheint weltfremd. In 1.Korinther 1,22-24 schreibt Paulus: „Während Juden Zeichen fordern und Griechen Weisheit suchen, 23 predigen wir Christus als gekreuzigt, für Juden ein Anstoß und für Nationen eine Torheit; 24 den Berufenen selbst aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“

Die Botschaft vom Kreuz ist schwer einzuordnen. In christlichen Kreisen wird heute ganz neu darüber debattiert, wie das Kreuz zeitgemäß zu interpretieren ist.

Ein populärer progressiv-christlicher Podcaster schreibt: „Am Kreuz ist nichts geschehen, was Gott aus seinem Wesen heraus nicht schon zuvor hätte tun können.“ Jemand anders schreibt: „dass Jesu gekreuzigt wurde, war nicht notwendig dafür, dass Gott unsere Sünden vergibt.“ Somit ist aus deren Sicht das Kreuz nicht heilsnotwendig. Es zeige uns lediglich, dass Gottes Sohn auch Leiden erfahren habe und er uns daher in unserem Leid besser verstehe.

Einige behaupten sogar, der christliche Glaube an eine Ewigkeit und die Rettung von der Schuld durch den Kreuzestod sei erst durch Paulus oder spätere Theologen entstanden.

Wir können beobachten, dass es Zeiten gab, in denen man sich in der Verkündigung mehr auf das Tragen vom Kreuz, oder auf die Ewigkeit, auf die notwendige Veränderung des Lebens, auf das Wirken des Heiligen Geistes oder auf ein Leben im Segen konzentrierte.

Ist christlicher Glaube ohne das Kreuz möglich?

Man kann sich aus allen Religionen passende Elemente herauspicken, doch dann ist es kein christlicher Glaube mehr. Als Christen glauben wir, dass der gekreuzigte und auferstandene Jesus der verheißene jüdische Messias ist.

Paulus formuliert es in 1.Korinther 15 so: „3 Christus ist für unsere Sünden (Zielverfehlungen) gestorben nach den Schriften; 4 er wurde begraben und auferweckt am dritten Tag nach den Schriften; 5 und er ist Kephas (Petrus) erschienen, dann den Zwölfen. … 57 Gott aber sei Dank, der uns den Sieg (über den Tod) gibt durch unseren Herrn Jesus Christus! 58 Seid fest … damit eure Mühe im Herrn nicht vergeblich ist.“

Paulus beruft sich auf die jüdischen Schriften. Das sind die Bücher, die wir heute als das Alte Testament oder den Tanach kennen.

In den letzten Impulsen haben wir gesehen, dass der Mensch selbst bestimmen wollte, was gut für ihn ist. Die Folge war, dass er Gott auswich. Gleichzeitig konnte er nicht zu seinem eigenen Versagen stehen und suchte sofort einen Schuldigen. Sein Urvertrauen in Gott war erschüttert. Die Folge ist eine zerrüttete Beziehung zu Gott und Mitmenschen. Auch der Neuanfang mit Noah änderte nichts Wesentliches am Menschen. Gott stellte fest: das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an“ (1.Mose 8,21).

Der Mensch braucht eine Veränderung von innen heraus. Er muss sein Herz ändern. In Hesekiel 36,26 sagt Gott: „Ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben.

Doch wie soll das geschehen? Jesus sagt in Johannes 3,14-15 zu Nikodemus: Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden, 15 damit jeder, der an ihn glaubt, ewiges Leben hat.“ Durch das Schauen auf Jesus am Kreuz werden wir verändert.

Jesus spitzte alles zu, als er in Kapernaum sagte, dass sein Fleisch und sein Blut Teil von uns werden sollen (Johannes 6,56): „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm.“ Das war dann für zahlreiche zu viel, und sie wandten sich von Jesus ab (Johannes 6,66).

In Lukas 24,25-27 erklärt Jesus den Emmaus-Jüngern, dass sein Sterben am Kreuz die Erfüllung der Schriften war: „Er sprach zu ihnen: Ihr Unverständigen und im Herzen zu träge, an alles zu glauben, was die Propheten geredet haben! 26 Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit hineingehen? 27 Und von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn betraf.“

Jesus hat den Jüngern bereits in Markus 10,45 gesagt: „Der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“ Damit bezieht er sich auf die Aussage in Jesaja 53,10: „Doch dem HERRN gefiel es, ihn (den Gottesknecht) zu zerschlagen. Er hat ihn leiden lassen. Wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat, wird er Nachkommen sehen.“

Die zentrale Deutung des Kreuzes finden wir bei Jesus am Passahfest. In Matthäus 20,17-19 steht: „Als Jesus nach Jerusalem hinaufging, nahm er die zwölf Jünger allein zu sich und sprach auf dem Weg zu ihnen: 18 Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Sohn des Menschen wird den Hohen Priestern und Schriftgelehrten überliefert werden, und sie werden ihn zum Tode verurteilen; 19 und sie werden ihn den Nationen überliefern, um ihn zu verspotten und zu geißeln und zu kreuzigen; und am dritten Tag wird er auferweckt werden.“

Jesus wusste, was kommen würde und wich nicht aus. Im Garten Gethsemane betete er: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber! Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Matthäus 26,39). Der Auftrag Jesu war ohne das Kreuz anscheinend nicht möglich.

Zuvor geschah beim Passahmahl folgendes: „Er nahm einen Kelch und dankte und gab ihnen den und sprach: Trinkt alle daraus! 28 Denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden (Matthäus 26,27-28).

Jesus selbst stellte einen Zusammenhang zwischen dem Passahfest und seinem Tod her, indem er den Kelch der Erlösung nahm und ihn mit seinem Tod am Kreuz verknüpfte.

Es geht um die Befreiung aus der Sklaverei der Sünde (Johannes 8,34-36). Sein Blut lässt die Folgen unseres Fehlverhaltens an uns vorübergehen (passieren) (2. Mose 12,23). Johannes bezeichnet Jesus als das Lamm Gottes (Johannes 1,29.36).

Jesus sagt weiter, sein Blut werde „für viele“ vergossen (Markus 14,24 und Matthäus 26,28) und nicht für alle. Er bezieht sich dabei auf Jesaja 53,12: „Er aber hat die Sünde vieler getragen und hat sich für ihre Verbrechen treffen lassen.

Der Begriff „Blut des Bundes“ stammt aus 2. Mose 24,6-8: „Mose nahm das Blut, besprengte damit das Volk und sagte: Siehe, das Blut des Bundes, den der HERR auf all diese Worte (am Gottesberg) mit euch geschlossen hat!“ Auch der Versöhnungstag weist darauf hin, dass Sünden durch ein stellvertretendes Opfer vergeben werden (3. Mose 16,17).

Jesus sagt außerdem nach Lukas 22,37: „Ich sage euch, dass noch dieses, was geschrieben steht, an mir erfüllt werden muss: Und er ist unter die Gesetzlosen gerechnet worden.“ Damit bezog sich Jesus auf Jesaja 53,9: „Und man gab ihm bei Gottlosen sein Grab, aber bei einem Reichen ist er gewesen in seinem Tod, weil er kein Unrecht begangen hat und kein Trug in seinem Mund gewesen ist.“

Jesus hätte nicht sterben dürfen. Er war ohne Sünde (2.Korinther 5,21). In Römer 6,23 heißt es: „Der Lohn (die Folge) der Sünde ist der Tod. Da Jesus ungerechtfertigt starb, kann er das Todesurteil anderer auf sich nehmen.

Spannend ist auch die Beobachtung, dass immer wieder betont wird, Jesus sei für unsere Sünden (Zielverfehlungen) gestorben. Sein Tod hat also etwas mit uns selbst zu tun.

Was ist nun das Besondere am Kreuz?

Vor dem Kreuz Jesu können wir nichts hinzufügen. Wir können nur anerkennen, dass wir vor Gott nicht bestehen können und dass Gott in Jesus das Todesurteil an unserer Stelle auf sich genommen hat.

Gott musste einen Weg finden, mit unseren Verfehlungen umzugehen. Er muss sowohl seiner Liebe (1.Johannes 4,16) und Gnade, als auch seiner Gerechtigkeit (2.Mose 34,6-7) und Heiligkeit (3.Mose 19,2) entsprechen. So können wir leben, ohne dass die tödlichen Konsequenzen unserer Sünden ignoriert werden. Am Kreuz vollzieht Gott die Folge der Sünde und stirbt für uns. Er richtet und ist zugleich gnädig. Ohne Gerechtigkeit gibt es keine Gnade. Er wahrt seine Heiligkeit und erbarmt sich in Liebe. Es ist wie ein Mobile.

Wer die Folgen unserer Abwendung von Gott anerkennt, erhält dadurch das ewige Leben. Gott will einen Ort haben, an dem wir unsere Verfehlungen ablegen und Vergebung empfangen können.

Als Zeichen der Versöhnung schenkt Gott uns den Heiligen Geist als Ratgeber, Tröster und Beistand. Wir dienen Gott nicht, um das ewige Leben zu erhalten, sondern in Jesus wird es uns geschenkt. Nun leben wir mit ihm – aus Dankbarkeit und Freude.

Das Kreuz ist die Erfüllung des vorausschauenden Glaubens vor der Kreuzigung und des annehmenden Glaubens im Rückblick darauf. Das Alte Testament ist die Hinführung auf das Kreuz, während die Berichte im Neuen Testament erzählen, was sich durch den Glauben an Jesu stellvertretendem Tod am Kreuz bei uns Menschen veränderte. Die Bibel spiegelt unsere Erlösungsbedürftigkeit wider und durch unsere Haltung zum Kreuzesgeschehen offenbart sich unsere Einstellung zu Gott und seinem Wort. Durch das Kreuz erhalten wir eine Chance zur Selbsterkenntnis.

Der Glaube im Alten Testament war ein vorausschauender Glaube, dass Gott unsere Zielverfehlungen als Lamm Gottes trägt. Der neutestamentliche Glaube nimmt Gottes Angebot der Versöhnung durch das Kreuz rückblickend persönlich in Anspruch.

Durch den Tod Jesu sollen wir mit Gott versöhnt werden. Gott hält uns in Jesus die Hand entgegen, weil er uns vergibt. Ob wir sie ergreifen wollen, ist unsere Entscheidung. Als Menschen können wir anderen und uns etwas vergeben, aber versöhnen können wir uns nur, wenn beide Seiten aufeinander zugehen.

Durch die Versöhnung mit Gott sind wir in der Lage, uns mit anderen Menschen und unserer eigenen Lebensgeschichte zu versöhnen.

Es hängt alles davon ab, wie wir das Kreuz interpretieren. Ich kann mich daran stoßen und es ablehnen. Oder ich kann die Aussage von Jesus in Johannes 15,13 zu meiner eigenen machen: Größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.“

Paulus schreibt in 2.Korinther 5,20-21: „So sind wir nun Gesandte an Christi statt, indem Gott gleichsam durch uns ermahnt; wir bitten für Christus: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit wurden in ihm.“

Text: Hanspeter Obrist, August 2025

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