Tröstet mein Volk

Israelsonntag – Tischa BeAwTröstet mein Volk

Das Gedenken an die Zerstörung Jerusalems Tischa BeAw (2025: 3. August) fand im christlichen Kalender am 10. Sonntag nach Trinitatis (2025: 24. August) Eingang. Dieser Tag wird auch „Israelsonntag“ genannt.

Luther führte diesen Tag zu Beginn der Reformation ein, um seine Verbundenheit mit den Juden zu bekunden. Zunächst wurde er „Jerusalem-Gedenktag“ genannt.

Das jüdische Volk hat viele Gedenktage, die meistens mit einem Innehalten und Fasten verbunden sind. Ein großer Unterschied zu uns ist, dass auch Katastrophen gedacht wird. Das machen wir in der Schweiz weniger.

Was wäre ein negatives Ereignis in der Geschichte der Schweiz, das uns verändert hat?

Vielleicht die Schlacht bei Marignano?

Sie fand am 13. und 14. September 1515 in Italien statt. Es war eine Schlacht zwischen der Alten Eidgenossenschaft und dem Königreich Frankreich, die mit einer schweren Niederlage der Schweizer endete. Sie gilt als Wendepunkt in der Schweizer Geschichte und wird oft als Ausgangspunkt für die Schweizer Neutralität diskutiert.

Oder ist es doch eher die Kappeler Milchsuppe? Sie war ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der Schweiz. Ende Juni 1529 zogen die Zürcher Truppen den Innerschweizern Kantone entgegen. Im Ersten Kappelerkrieg konnte durch die Vermittlung der neutralen Orte ein Bruderkrieg unter den Eidgenossen verhindert werden.

Ein weiteres entscheidendes Ereignis war die Invasion Napoleons im Jahr 1798, durch die sich die Schweiz nachhaltig veränderte. Er schuf neue Kantone und befreite die Untertanengebiete.

Oder wäre es der Sonderbundkrieg im November 1847? Es war der letzte bewaffnete Konflikt auf Schweizer Boden. Er endete mit der Kapitulation der katholischen Sonderbundkantone (Luzern, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Zug, Freiburg und Wallis) gegenüber den liberalen Kantonen. Dies führte zur Gründung des modernen Schweizer Bundesstaates mit einer neuen Verfassung im Jahr 1848.

Dank Henri Dufour, einem überzeugten Christen, konnte eine konstruktive Lösung gefunden werden, bei der alle Kantone als gleichwertig anerkannt wurden.

Eine so tiefgreifende Katastrophe, wie die Zerstörung des Tempels, kennen wir in der Schweiz nicht. 

Was geschah alles an Tischa BeAw?

Am 9. Aw 586 v. Chr. wurde der Tempel durch Nebukadnezar zerstört. Am 9. Aw 70 n. Chr. wurde der Zweite Tempel Israels durch Titus vernichtet. Im Freiheitskampf der Zeloten unter Bar Kochba gegen Rom fiel die Festung Betar am 9. Aw 135 n. Chr. Am 9. Aw 1492 mussten die Juden Spanien verlassen. Am 9. Aw 1914 begann der Erste Weltkrieg, der für die osteuropäischen Juden folgenschwer wurde.

Der 9. Aw ist ein jüdischer Schicksalstag. Er gehört zu den vier Trauertagen im jüdischen Kalender, die der Zerstörung Jerusalems gewidmet sind (10. Tewet. / 17. Tammus / 9. Aw / 3. Tischri). An diesen Tagen gibt das jüdische Volk seine Betroffenheit und seinen Schmerz über die größte nationale Katastrophe in seiner Geschichte zum Ausdruck. Nach Jom Kippur ist Tischa BeAw (9.Aw) der wichtigste Fastentag im jüdischen Jahr.

Mit der Zerstörung des Tempels erlosch der Opferdienst. In einem jüdischen Gebetsbuch heißt es dazu: „Wir sind nicht mehr imstande, unsere Pflichten zu erfüllen in dem Haus, das du erwählt hast, in dem großen heiligen Hause, über dem dein Name genannt wird.“

In der Bibel wird die Zerstörung Jerusalems sowohl durch das babylonische Exil (586 v. Chr.) als auch durch die römische Zerstörung (70 n. Chr.) mit der Untreue und Abkehr des Volkes von Gott begründet.

Jesus sagt in Matthäus 23,37-38: „Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt! 38 Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen“.

Und in Lukas 19,44 heißt es: „Sie werden in dir nicht einen Stein auf dem anderen lassen, dafür, dass du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.“

Die Trauer um den zerstörten Tempel begleitet jüdische Menschen ein Leben lang. So wird bei jeder Hochzeit, als Zeichen der Trauer für den zerstörten Tempel, ein kostbares Gefäß zerschlagen, oder zumindest ein Weinglas zertreten. In Schmuckstücken wird absichtlich ein Fehler eingearbeitet. Beim Neubau eines Hauses sollte ein Teil über dem Eingang unverputzt, beziehungsweise ungestrichen bleiben. Auf der Sederplatte beim Passahmahl liegen seit der Zerstörung des Tempels ein gekochtes Ei und ein Knochen, die an das verlorene Festtagsopfer bzw. an das Ende des Opferdienstes aufgrund der Zerstörung des Tempels erinnern.

Der Schabbat nach dem 9. Aw wird „Schabbat Nachamu“ (Schabbat des Trostes) genannt. Mit den Worten aus Jesaja 40,1 „Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott“ wird daran erinnert, dass Gott bisher immer auf die Trauer seines Volkes geantwortet und es getröstet hat. Einige Juden glauben deshalb, dass an diesem Tag der Messias erscheinen und Israel in die Erlösung und Vollendung führen wird.

In der jüdischen Tradition war der Tempel in Jerusalem das Zentrum der Anbetung, der Ort, an dem die göttliche Gegenwart (Schechina) unter den Menschen wohnte. Nach der Zerstörung des Tempels ging der jüdischen Überlieferung zufolge auch die Schechina, die Gegenwart Gottes, ins Exil.

In Hesekiel 44,1-3 heißt es: „Und er führte mich zurück auf dem Weg zum äußeren Tor des Heiligtums, das nach Osten weist. Das aber war verschlossen. 2 Und der HERR sprach zu mir: Dieses Tor soll verschlossen sein; es soll nicht geöffnet werden, und niemand soll durch es hineingehen! Denn der HERR, der Gott Israels, ist durch es hineingegangen, so soll es verschlossen sein. 3 Was den Fürsten betrifft, er, der Fürst, soll darin sitzen, um Speise zu essen vor dem HERRN; auf dem Weg der Vorhalle des Tores soll er hineingehen, und auf demselben Weg soll er hinausgehen.“

Deshalb erwarten einige, dass der Messias durch das Goldene Tor in Jerusalem einziehen wird. Jesus hat dies bereits getan und einige denken, er werde es bei seiner Wiederkunft nochmals tun. Süleyman und seine Zeitgenossen wollten das Kommen des Messias verhindern. Sie mauerten das Tor zu und legten einen Friedhof an, denn dadurch wurde man kultisch unrein und durfte nicht mehr in den Tempel gehen.

Jesus hat jedoch auch verkündet: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten.“ (Johannes 2,19).

Durch seinen Tod und seine Auferstehung wurde Jesus selbst zum lebendigen Tempel. Durch ihn und bei ihm erfahren wir die göttliche Gegenwart.

Er ist „der Tempel, der nicht mit Händen gemacht wurde“ und verkörpert die Gegenwart Gottes.

Messianische Juden finden an Tischa BeAw Trost in der Gewissheit, dass wir auch in Zeiten der Dunkelheit und Trauer einen Hohepriester haben, der unseren Schmerz versteht und für uns eintritt.

Messianische Juden sind Juden, die glauben, dass Jesus der verheißene jüdische Messias ist.

Tischa BeAw erinnert an die erlösende Macht Gottes, der Trauer in Freude und Zerbrochenheit in Ganzheit verwandeln kann.

Wir selbst sind Teil dieses neuen Tempels. Petrus schreibt in 1. Petrus 2,5: Lasst euch auch selbst als lebendige Steine aufbauen, als ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum, um geistliche Opfer darzubringen, Gott hochwillkommen durch Jesus Christus!“

Als geistliches Haus Gottes möchten wir alle ermutigen, sich auch auf diesen Gott einzulassen. Er tröstet uns und ist trotz Verlusten für uns da. Gott selbst sagt: „Ich, ich bin es, der euch tröstet“ (Jesaja 51,12). Echten Trost finden wir bei Gott.

Zugleich fordert Gott uns in Jesaja 40,1-2 auf: „Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. 2 Redet zum Herzen Jerusalems, und ruft ihm zu, dass sein Frondienst vollendet, dass seine Schuld abgetragen ist! Denn es hat von der Hand des HERRN das Doppelte empfangen für all seine Sünden.

Der Israelsonntag ist ein Tag der Solidarität mit dem Volk der Bibel, den Juden. Es ist ein Tag der Trauer und Buße durch das Bekennen des eigenen Versagens, auch gegenüber dem jüdischen Volk.

Der Trost, den Christen durch Jesus empfangen, gilt auch dem jüdischen Volk und allen Menschen. Deshalb widmen einige Kirchen und Gemeinschaften den Israelsonntag der Solidarität mit den messianischen Juden, die den Trost Gottes durch den Messias Jeschua (Jesus) erfahren haben.

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