Als Christen stehen wir zwischen vollmundigen Verheißungen und ohnmächtiger Hilflosigkeit. Vor mehr als 30 Jahren besuchte ich ein Seminar zum Thema Vollmacht und Ohnmacht. Seit diesem Zeitpunkt begleitet mich dieses Wortspiel.
Es sind vier Punkte, die mich bewegen: Vollmacht statt Ohnmacht – Ohnmacht trotz Vollmacht – Vollmacht durch Ohnmacht – Vollmacht zur Ohnmacht.
Vollmacht statt Ohnmacht
„Jesus lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten“ (Markus 1,22). Die Worte Jesu gingen unter die Haut. Die Leute waren betroffen und staunten. Es ist spannend, was in Markus 1 beschrieben wird. Jesus predigt vollmächtig und die Menschen sind erstaunt über seine Worte. Plötzlich steht ein von einem Geist beherrschter Mann auf. Er stört die gesamte Versammlung. Er beginnt laut zu schreien. „Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.“ Jesus sieht den Mann an und sagt zum Geist: „Schweig und verlass ihn!“ Der Geist wirft den Mann zu Boden und verlässt ihn. Die Leute im Gottesdienst fahren zusammen und sagen: „Was ist dies? Eine neue Lehre mit Vollmacht? Und den unreinen Geistern gebietet er, und sie gehorchen ihm.“ (Markus 1,27).
Als Jesus anschließend ins Haus von Petrus kommt, hat dessen Schwiegermutter hohes Fieber. Jesus geht zu ihr hin und befiehlt dem Fieber zu weichen. Die Schwiegermutter von Petrus steht sofort auf und bereitet ein Essen zu. Jesus hat also Vollmacht über Geister und Krankheiten.
Ohnmacht trotz Vollmacht
Gleichzeitig ist Jesus auch ohnmächtig. In Matthäus 11,20-23 steht über die gleiche Gegend: „Dann fing er an, die Städte zu schelten, in denen seine meisten Wunderwerke geschehen waren, weil sie nicht Buße getan hatten … 23 Und du, Kapernaum, … wenn in Sodom die Wunderwerke geschehen wären, die in dir geschehen sind, es wäre geblieben bis auf den heutigen Tag.“
Jesus hat trotz aller Vollmacht nicht die Macht, die Herzen zu verändern. Wir befinden uns heute in derselben Situation. Wenn noch so viele Wunder geschehen und mächtige Botschaften gehalten werden, können wir als Menschen die Herzen nicht verändern.
In Johannes 12,37 heißt es: „Obwohl Jesus so viele Zeichen vor ihnen getan hatte, glaubten sie nicht an ihn.“
Manchmal sehen wir sogar, dass die Wunder Jesus in seinem Auftrag behindert haben. In Markus 1, ab Vers 34, steht weiter: „Er heilte viele an mancherlei Krankheiten Leidende, und er trieb viele Dämonen aus …36 Simon und die, die mit ihm waren, … sagen zu ihm: Alle suchen dich. 38 Und er spricht zu ihnen: Lasst uns anderswohin in die benachbarten Marktflecken gehen, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich ausgegangen.“
Jesus lässt also die Kranken stehen und zieht weiter, weil sein Fokus auf dem Verkünden des Reiches Gottes liegt.
Das göttliche Prinzip ist, dass er sich selbst beschränkt, weil er will, dass alle Menschen freiwillig zu ihm kommen. Er zwingt uns nicht mit seiner Macht, ihm zu folgen. Nein, er wirbt um uns, doch viele erteilen ihm eine Absage. Trotz seiner Vollmacht ist Jesus ohnmächtig. Auch wir können niemanden zu seinem Glück zwingen. Doch wir können Gott im Gebet die Tür öffnen, damit er durch seinen Heiligen Geist unser Leben verändert und uns führt. Ein geistliches Leben können wir uns nicht selbst erarbeiten, es ist ein Geschenk Gottes. Doch was ist das Geheimnis der Vollmacht Jesu? Jesus hat Vollmacht durch Ohnmacht.
Vollmacht durch Ohnmacht
Es gibt zwei Arten, wie wir das Leben Jesu betrachten können.
Entweder gehen wir davon aus, dass Jesus nur der Form nach Mensch war, weil er auch Gott ist. Weil er Gott ist, weiß er alles und kann alles. Was er vollbringt, ist deshalb nichts Außergewöhnliches. Was Jesus getan hat, können wir nicht tun. Lange Zeit wurde alles, was Jesus getan hat, unter diesem Aspekt betrachtet. Alles, was Jesus getan hat, bleibt für uns Menschen unfassbar und unerreichbar.
Anders ist es, wenn wir nicht bei der Göttlichkeit Jesu beginnen, sondern bei seinem Menschsein. In Jesus hat Gott sich selbst beschränkt. Jesus ist der neue Adam, der eine ungestörte Beziehung zum himmlischen Vater hat. Er hat jedoch nur die Möglichkeiten, die jeder Mensch hat. Sein Leben zeigt uns deshalb, wie es wäre, wenn wir in einer völlig ungetrübten Beziehung mit Gott leben würden. Jesus sagt in Johannes 14,12: „Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue, und wird größere als diese tun.“
Jesus hat uns vorgelebt, was passieren kann, wenn wir in Gemeinschaft mit Gott leben. Unter diesem Aspekt eröffnet sich für uns eine neue Dimension.
Jemand hat mir einmal gesagt, er wolle auch die Zeichen und Wunder der Apostelgeschichte erleben. Im Internet sprechen einige auch vom Heilen wie Jesus. Oder sie sprechen von der Vollmacht, die Christen haben sollten. Andererseits gibt es Menschen, die Hiobsbotschaften aushalten müssen. Ohnmächtig steht man mit offenen Fragen da.
Die Vollmacht Jesu ist keine Vollmacht anstelle von Ohnmacht, sondern eine Vollmacht in Abhängigkeit vom himmlischen Vater.
Jesus hat seine Vollmacht durch Ohnmacht erhalten. Er ging an den Jordan und ließ sich taufen. Damit unterstellte er sich Gottes Ordnung. Er gab damit zum Ausdruck: Ich lebe mein Leben unter der Führung des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist kam auch in der Form einer Taube sichtbar auf ihn herab. Und Gott sagte: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden“ (Lukas 3,22). Jesus handelte unter der Führung des Heiligen Geistes. In Lukas 4,1 heißt es: „Jesus aber, voll Heiligen Geistes, kehrte vom Jordan zurück und wurde durch den Geist in der Wüste vierzig Tage umhergeführt.“ Der Heilige Geist führte Jesus. Jesus handelte nicht aus sich heraus, sondern er tat nur das, was er von seinem himmlischen Vater erfahren hatte. So sagte Jesus einmal (Johannes 12,49): „Denn ich habe nicht von mir aus gesprochen, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir aufgetragen, was ich sagen und reden soll.“
Jesus ist vollkommen abhängig von Gottes Geist. Darum sucht er immer wieder das Gebet. Er weiß genau: Ich brauche die Leitung durch den Heiligen Geist. Er betet auch ganze Nächte hindurch. Im sogenannten Hohepriesterlichen Gebet in Johannes 17 heißt es: „Ich habe das Werk vollbracht, das du (Gott) mir gegeben hast, dass ich es tun soll“ (Johannes 17,4). Und von seinen Nachfolgern sagt er: „welche du mir gegeben hast“ (Johannes 17,9). Jesus ist vollkommen abhängig vom himmlischen Vater. Ohne die klaren Anweisungen des Vaters im Himmel ist er ohnmächtig und kann nichts tun. Biblische Vollmacht erhalten wir, wenn wir zu unserer Ohnmacht stehen. Wir brauchen die Leitung durch den Heiligen Geist. Wir selbst sind also nie vollmächtig, sondern ohnmächtig. Wir brauchen die Verbindung zu Gott. Darum sagt Jesus (Johannes 15,5): „Getrennt von mir könnt ihr nichts tun.“ Ohne die Leitung und das Wirken Gottes können wir nichts tun.
Vollmacht zur Ohnmacht
Jesus hatte noch eine viel größere Vollmacht als zu predigen und zu heilen. Die größte Vollmacht ist, Ja zu sagen zur Ohnmacht, zum Leidensweg. Als Jesus ans Kreuz geschlagen wurde, brachte er zum Ausdruck, dass er Ja zur Ohnmacht gesagt hatte. Er ließ sich umbringen und verzichtete auf alle Macht. Er ordnete sich freiwillig unter den Willen Gottes.
Jesus sagte in Johannes 10,18: „Niemand nimmt es (mein Leben) von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen.“ Er wusste, dass er seinen Vater jederzeit um Hilfe bitten konnte. So sagte er in Matthäus 26,53 zu einem Jünger: „Mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte.“
Wahre Vollmacht verzichtet auf eigene Macht, denn Liebe zwingt nie. Jesus ging den Leidensweg, weil er wollte, dass der Vater durch ihn verherrlicht wird und weil er dich und mich liebt. Deshalb verzichtete er auf all seine Möglichkeiten. Wahre Vollmacht bedeutet, dass wir Ja sagen können zu Gottes Willen. Ja zu sagen zu dem Weg, den Gott uns führt.
Als Jesus vom Heiligen Geist in die Wüste geführt wurde, kam sein Verzicht auf Macht zum Ausdruck (Matthäus 4,1-11). Er wollte sich nicht selbst helfen und Brot aus Steinen machen. Er wollte Gott nicht zum Handeln zwingen, indem er vom Dach des Tempels heruntersprang. Und er ging nicht auf das Angebot ein, die Welt ohne Leiden zu gewinnen, indem er den Teufel als rechtmäßigen Besitzer ehrte. Er wollte allein in der Abhängigkeit vom Vater leben.
Was bedeutet das für uns?
Wir leben in der Spannung zwischen Wundern und dem ohnmächtigen Danebenstehen.
Ob ein Wunder oder der Mut, zu bitten „dein Wille geschehe“ Gott mehr ehrt, überlasse ich ihm.
Ich lebe jedoch in der Erwartung, dass Gott handelt, indem er Kraft gibt Situationen auszuhalten oder zu verändern.
Wenn sich Geister melden, haben wir durch Jesus göttliche Autorität, sie wegzuweisen.
Die große Herausforderung ist: „Herr, ich stelle mich dir zur Verfügung, wie du es immer willst.“
Wir verzichten sogar auf unsere eigenen Möglichkeiten, damit Jesus durch unser Leben verherrlicht wird. Ich muss nicht für mein „Recht“ sorgen. Ich kann Dinge Gott überlassen.
Christliches Leben bedeutet, das Machbare loszulassen und sich Gott anzuvertrauen, egal wozu er uns braucht.
In 2.Korinther 12,9 sagte Gott zu Paulus: „Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft kommt in Schwachheit zur Vollendung.”