
Die Begegnung Jesu mit Nikodemus (Johannes 3,1-21) ist eine bekannte Geschichte. Ihre Details eröffnen eine mutmachende Perspektive.
1 Es war aber ein Mensch aus den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. 2 Dieser kam zu ihm bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
Zunächst scheint es vielversprechend, dass ein Vertreter der jüdischen Elite Jesus aufsucht, ihn als Lehrer anspricht und seine Wunder anerkennt. Nikodemus gehörte zum Sanhedrin, dem jüdischen Rat. Seine Glaubensausrichtung war rabbinisch. Er studierte neben der Torah auch die Propheten. Er wusste, dass das „Gott mit dir“ ein messianischer Hinweis auf Jesaja 7,14 ist. Dort steht: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel (עִמָּנוּאֵל) – Gott mit uns – nennen.“ Mit „von Gott gekommen“ stellte er eine Verbindung zu Daniel 7,13-14 her, in dem ein Menschensohn beschrieben wird, der von Gott her auf die Erde kommt und zum König wird. Die Frage, die nun im Raum stand, war: „Bist du der verheißene Retter und Messias?“
3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem [o. von oben her] geboren wird, kann er das Reich Gottes [o. die Königsherrschaft] nicht sehen.
Mit göttlicher Autorität (wahrlich ich sage dir) sagt Jesus: „Wenn du ein geisterfüllter Mensch bist, dann siehst du Gottes Königsherrschaft.“ Dasselbe gilt auch für uns. Sehen wir noch das Königreich?
Jesus spricht Nikodemus auf den zentralen Punkt ihrer unterschiedlichen Auffassungen an. Es braucht eine Geburt von oben (Johannes 3,3). Nikodemus kann das nicht einordnen. Er ist ein Vertreter der Rechtgläubigkeit. Es genügt doch, als Jude geboren zu sein, um an Gottes Reich Anteil zu haben. Diesen jüdischen Standpunkt hat sich Nikodemus zu eigen gemacht:
4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er etwa zum zweiten Mal in den Leib seiner Mutter hineingehen und geboren werden?
Spannend ist seine Formulierung „wenn er alt ist“. Im Judentum wird man neu geboren, wenn man zum Judentum konvertiert, mit der Bar Mizwa religiös mündig wird, heiratet, durch Handauflegung zum Rabbiner eines Lehrhauses berufen wird oder als König eingesetzt wird. Nikodemus hat die für ihn möglichen Neu-Geburten schon alle erlebt. Deshalb fragt er: „Wie kann jemand neu geboren werden, wenn er alt ist?“ (Johannes 3,4).
5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen. 6 Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. 7 Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von Neuem geboren werden. 8 Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.
Im Textzusammenhang ist mit der „Geburt aus Wasser” die natürliche Geburt gemeint. In Vers 6 wird „Wasser“ als „aus dem Fleisch geboren“ gedeutet, wobei sich dies wahrscheinlich auf das Fruchtwasser bezieht. Der Mensch braucht jedoch auch eine geistliche Geburt (Johannes 3,5-8). Geistliches Leben beginnt, wenn man Gottes Wirken wahrnimmt, so wie die Auswirkungen des Windes.
Man kann Wasser und Geist auch so verstehen, dass eine Abkehr von einem Leben ohne Gott (Taufe wie bei Johannes) und die Aufnahme von Gottes Geist (Taufe mit Heiligem Geist, Johannes 1,33) gemeint ist.
In Hesekiel 36,25-27 wird dies wie folgt beschrieben: „Ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; … 26 Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; … 27 und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt.“
Nikodemus wusste das und er hat auch die Taufe des Johannes gesehen. Und trotzdem fragt er, wie das geschehen kann. Und Jesus verweist dabei nicht auf die Taufe, sondern auf die Schlange in der Wüste beim Auszug aus Ägypten (Johannes 3,14).
9 Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann dies geschehen? 10 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist der Lehrer Israels und weißt das nicht? 11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, und unser Zeugnis nehmt ihr nicht an. 12 Wenn ich euch das Irdische gesagt habe, und ihr glaubt nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch das Himmlische sage? 13 Und niemand ist hinaufgestiegen in den Himmel als nur der, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen.
14 Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden, 15 damit jeder, der an ihn glaubt, ewiges Leben hat. 16 Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.
Zuerst bestätigt Jesus, dass er der „von Gott kommende“ ist, der in Daniel 7,13-14 verheißen wird. Dann macht er deutlich, dass sein Auftrag anders ist, als Nikodemus es sich vorstellt. Er ist gekommen, um das Todesurteil für die Glaubenden aufzuheben.
Alle Israeliten, die in der Wüste von den Schlangen gebissen wurden, mussten auf eine Schlange an einem Pfahl sehen, damit das tödliche Gift unwirksam wurde (4.Mose 21,9). Sie mussten den Blick weg vom Problem, hin zur besiegten Schlange wenden. Dies müssen auch wir immer wieder vollziehen.
Alle die anerkennen, dass Jesus für sie am Kreuz gestorben ist und dort ihre Verfehlungen getragen hat, über die wird der Tod keine Macht mehr haben (Johannes 3,14-15).
Am Kreuz ist die Macht der Schlange gebrochen worden (vgl. 1.Mose 3,15). Der Blick auf den Sieg über die Schlange macht das Gift der Rebellion gegen Gott unwirksam. Durch das Anschauen von Jesus verändern wir uns. Paulus schreibt in 2. Korinther 3,18: „Wir alle aber schauen mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an und werden so verwandelt in dasselbe Bild.“
Am Kreuz geht es nicht um den fleischlichen, sondern um den geistlichen Tod. Bei Adam und Eva stellte sich ein geistlicher Tod ein. Sie verloren das Vertrauen in Gott. Durch unsere Haltung zum Kreuz beginnt ein neues Vertrauen in Gott und ein geistliches Leben. Mancher mag seine Schuld noch einsehen, doch der entscheidende Punkt ist, ob wir akzeptieren, dass jemand an unserer Stelle sterben musste.
Jesus vergleicht das mit dem Licht. Wer das Licht Gottes liebt (Johannes 3,19) und vor Gott aufdeckt (bekennt), was schiefgelaufen ist, dem wird die Schuld abgenommen. Wer seine Verfehlungen verbergen will, dem bleibt sie erhalten.
17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richtet, sondern dass die Welt durch ihn gerettet wird. 18 Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des einzigen Sohnes Gottes. 19 Dies aber ist das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt als das Licht, denn ihre Werke waren böse. 20 Denn jeder, der Arges tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht bloßgestellt werden; 21 wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott gewirkt sind.
Nur wenn wir uns auf Jesus einlassen und unseren Blick auf ihn statt auf unsere Probleme richten, können wir Gottes Königsherrschaft erkennen.
Nicht lebensbejahende Parolen, sondern das Kreuz ist der Angelpunkt. Gott musste einen Weg der Versöhnung finden, der sowohl seiner Liebe und Gnade als auch seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit entspricht. Er musste einen Weg finden, durch den wir leben können, ohne die tödlichen Konsequenzen unserer Sünde zu ignorieren. Seine Worte werden nicht aufgelöst, sondern umgesetzt.
Im Kreuzesgeschehen handelt Gott einerseits als Richter, der die gerechte Strafe für unsere Sünden vollstreckt, andererseits aber auch als gnädiger Erlöser, der in Jesus die gerechte Strafe auf sich selbst nimmt.
Die Schuld löst sich nicht auf, sondern wird von Jesus getragen. Auch heute ist die persönliche Haltung zum Kreuzesgeschehen der Dreh- und Angelpunkt in unserem Leben.
Nikodemus tritt später (Johannes 7,50-52) vor dem Hohen Rat für Jesus ein. In Johannes 19,39 brachte er Myrrhe gemischt mit Aloe, um den Leichnam von Jesus zu salben. Die erwähnten hundert Pfund zeigen, dass Nikodemus ihm ein königliches Begräbnis gab. Dies kostete ihn ein damaliges durchschnittliches Lebens-Einkommen.
In der jüdischen Tradition wird überliefert, dass Nikodemus ein Jünger Jesu geworden ist und alles verloren hat. In Johannes 9,22 steht, dass diejenigen, die sich zu Jesus bekennen, aus den Synagogen ausgeschlossen werden. Nikodemus durchlief einen jahrelangen Prozess, bevor er es wagte, Jesus mit der Salbung als König zu bekennen.
Jesus sagt in Johannes 3,16: „Damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ Es ist die persönliche Ausrichtung und Liebe zu Gottes Sohn, mit welcher das ewige Leben beginnt. Wir leben nicht als Christen, um ewiges Leben zu erwerben, sondern durch die Anerkennung des stellvertretenden Todes von Jesus, erhalten wir ewiges Leben.
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Einer sieht mehr Die zehn Aussätzigen in Lukas 17,11-19 schreien nicht „Warum?“, sondern „Meister, hab Erbarmen mit uns“. Jesus bewirkt, dass Geschundene in seiner Gegenwart wieder Worte finden, weil er Hoffnung verbreitet. Sie fordern nicht Heilung, sondern sein Erbarmen. Der Samariter erkennt die göttliche Gegenwart in Jesus. https://vivakirche-ebnat-kappel.ch/einer-sieht-mehr/
Peinlichkeit beim frommen Simon Die Begegnung von Jesus mit einer Frau im Haus des Pharisäers Simon ist voller Gegensätze (Lukas 7,36–50). Es ist Simon peinlich, dass eine Frau, deren Leben völlig daneben ist (Sünde = Zielverfehlung), ungebeten in sein frommes Haus kommt. Jesus stellt unsere Würde wieder her und sagt: „Deine Sünden sind vergeben. Geh hin in Frieden!“ https://vivakirche-ebnat-kappel.ch/peinlichkeit-beim-frommen-simon/
Das Credo von Martas Schwester Jesus wird von Marta in ihr Haus eingeladen. Doch bald ärgert sich Marta, da ihre Schwester Maria nicht bei der Bewirtung der Gäste hilft, sondern Jesus zu Füßen sitzt. Es geht darum, dass wir mit ganzem Herzen im Jetzt und mit Jesus verbunden sind. https://vivakirche-ebnat-kappel.ch/das-credo-von-martas-schwester