Peinlichkeit beim frommen Simon

Die Begegnung von Jesus mit einer Frau im Haus des Pharisäers Simon ist voller Gegensätze (Lukas 7,36–50). Es ist Simon peinlich, dass eine Frau, deren Leben völlig daneben ist (Sünde = Zielverfehlung), ungebeten in sein frommes Haus kommt. Ihr Verhalten ist unangebracht, doch Jesus lässt sie gewähren.

36 Es bat ihn (Jesus) aber einer der Pharisäer, dass er mit ihm essen möge; und er ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch.

37 Und siehe, da war eine Frau in der Stadt, die eine Sünderin war; und als sie erfahren hatte, dass er in dem Haus des Pharisäers zu Tisch lag, brachte sie eine Alabasterflasche mit Salböl, 38 trat von hinten an seine Füße heran, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen, und trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes. Dann küsste sie seine Füße und salbte sie mit dem Salböl.

39 Als aber der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er erkennen, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.

Wenn Jesus ein Prophet wäre, denkt Simon, würde er nicht zulassen, dass sie ihn berührt und ihn dadurch unrein macht. In 4.Mose 19,22 steht: „Alles, was der Unreine berührt, wird unrein sein; und wer ihn berührt, wird unrein sein bis zum Abend“.

Welche Sünde die Frau begangen hat, bleibt unklar. Die Frau war wohlhabend, was die Alabasterflasche mit Salböl zeigt.

Eine Alabasterflasche ist ein Gefäß aus dem gleichnamigen, meist milchig-weißen und leicht durchscheinenden Naturstein. In der Antike, insbesondere im alten Ägypten und im Nahen Osten, wurden kleine Flaschen und Salbgefäße aus Alabaster gefertigt. Aufgrund der Kühle und Dichte des Materials schützte es wertvolle Öle und wohlriechende Essenzen vor dem Verderben.

Die Frau könnte ihren Mann verlassen haben, um mit einem anderen Mann reich zu werden, wie es bei Drusilla der Fall war (Apostelgeschichte 24,24 / siehe https://vivakirche-ebnat-kappel.ch/paulus-und-felix ). Andere bezeichnen sie als eine Edelprostituierte oder Ehebrecherin (wie die Frau von Potifar, 1.Mose 39,7). Auch Wahrsagerei ist eine Möglichkeit. In 3.Mose 20,6 heißt es: „Person, die sich zu den Totengeistern und zu den Wahrsagern wendet, um ihnen nachzuhuren, gegen diese Person werde ich mein Angesicht richten und sie ausrotten aus der Mitte ihres Volkes“. All dies könnte zum Ausschluss aus der Gemeinschaft und zur Bezeichnung „Sünderin“ geführt haben. Eine andere Variante ist, sie hätte vorsätzlich am Sabbat gearbeitete (2.Mose 31,14) oder würde Blut konsumieren (3.Mose 7,27). Auch wer neben Gott einen anderen Gott verehrte und damit das erste Gebot brach, konnte mit einem Bann belegt werden. In 2.Mose 22,19 heißt es: „Wer den Göttern opfert, außer dem HERRN allein, soll mit dem Bann belegt werden.“

Die Situation ist also spannungsgeladen. Jesus zieht nicht erschrocken seinen Fuß zurück. Er sieht das Herz der Frau und hält aus. Er weiß, was Simon denkt, und somit weiß er auch, was in dieser Frau und uns vorgeht. Jesus hat übernatürliches Wissen.

40 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sagt: Lehrer, sprich! –

41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner; der eine schuldete fünfhundert Denare, der andere aber fünfzig; 42 da sie aber nicht zahlen konnten, schenkte er es beiden. Wer nun von ihnen wird ihn am meisten lieben?

43 Simon aber antwortete und sprach: Ich nehme an, der, dem er das meiste geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.

Ein Denar entsprach einem Tageslohn. Mit dem Gleichnis von den zwei Schuldnern macht Jesus deutlich, dass das Verhalten der Frau ein Ausdruck ihrer Dankbarkeit und Liebe ist. Sie begegnet dem, der sie von den Lasten der Vergangenheit befreite. Dafür scheut sie keine Mühen, nicht einmal die öffentliche Erniedrigung in einer Runde von gehobenen Männern. Sie weint über ihr verfehltes Leben.

Wie sie zur Buße kam, lässt der Text offen. Sie muss schon zuvor von Jesus gehört haben oder ihm einmal begegnet sein. Auf jeden Fall erkannte sie, wie sehr sie ihre göttliche Lebensbestimmung verfehlte und wer Jesus ist.

Was würden wir tun, wenn jemand hier weinend hereinkäme, vom Heiligen Geist ergriffen und auf den Zuspruch der göttlichen Gnade hofft? Hätten wir die Geduld, die Situation einfach auszuhalten?

Jesus sieht mehr. Er sieht ein Willkommensritual. Sie heißt Jesus willkommen. Sie wäscht ihm die Füße, küsst ihn und salbt ihn mit wohlriechendem Öl (Parfüm), wodurch sie Jesus öffentlich als den Gesalbten Gottes (Messias, Retter) anerkennt. Sie legt ihr Leben in seine Hände.

Das offenbart Jesus in den folgenden Versen: 44 Und sich zu der Frau wendend, sprach er zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen, du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; sie aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. 45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; sie aber hat, seitdem ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. 46 Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat mit Salböl meine Füße gesalbt.

Wir sehen eine Frau, die weint, weil sie ihr Leben nicht auf Gott ausgerichtet hat. Nun heißt sie die Person willkommen, auf die sie ihre Hoffnung setzt: den verheißenen jüdischen Messias, den Gesalbten.

Wenn der Heilige Geist ein Herz berührt, kann die fromme Ordnung schnell durcheinandergeraten.

Sie hätte ja auch an einem der ordentlichen Bußtage, durch die von Gott eingesetzten Rituale, Reue ausdrücken können. Doch die in den Augen der abgehobenen Pharisäer minderwertige Frau kommt ungebeten um den Tisch herum und bringt auch kein ordentliches Sündenbekenntnis über die Lippen. Sie sieht die göttliche Gegenwart und Liebe in Jesus. Sie ist überwältigt von Gott. So sagt Jesus zu Simon:

47 Deswegen sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.

48 Er aber sprach zu ihr: Deine Sünden sind vergeben. 49 Und die, die mit zu Tisch lagen, fingen an, bei sich selbst zu sagen: Wer ist dieser, der auch Sünden vergibt? 50 Er sprach aber zu der Frau: Dein Glaube hat dich gerettet. Geh hin in Frieden!

Jesus weist nicht die Frau zurecht, sondern die Zuschauer, die sie verurteilen. Die Frau ist ein Weckruf an die selbstgerechten Menschen. Jesus stochert nicht in der Vergangenheit herum, sondern stellt die Würde und Ehre der Frau wieder her, indem er öffentlich sagt: „Deine Sünden sind vergeben.“

Damit wirft Jesus bei den Zuhörern noch mehr Fragen auf, denn nur Gott kann Sünden vergeben. Schon in Lukas 5,21 stellen die Schriftgelehrten fest: „Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein?“. Dass er dazu fähig ist, bestätige Jesus damals, indem er den gelähmten Mann heilte.

Jesus offenbart sich hier als der Gesalbte, der Messias, mit göttlicher Autorität.

Entscheidend ist ihr Glaube, ihr Vertrauen in Jesus (Lukas 7,50). Jesus erlässt ihr die Schulden, weil sie sich ihm anvertraut (dein Glaube). Genauso erlässt Jesus allen Menschen ihre Verfehlungen, wenn sie zu ihm kommen, alles zu seinen Füßen legen und anerkennen, dass er ihr persönlicher Retter und Messias ist.

Dies bekennen wir mit dem Ausdruck „Jesus Christus“. Jesus bedeutet „Retter“ (Matthäus 1,21) und Christus ist die griechische Form für „Gesalbter,“ hebräisch „Messias“ (Johannes 1,41). „Jesus Christus“ bedeutet also: Jesus ist der verheißene jüdische Messias und Retter. Ich glaube an Jesus Christus meint: Ich vertraue mich dem in den jüdischen Schriften verheißenen Retter an.

Jesus sagt in Vers 50: „Geh in Frieden!“ Der göttliche Frieden macht frei, ein neues Leben zu gestalten – selbst wenn die Brüche und Abstürze im Leben sprachlos machen.

Liebe ist die Antwort darauf, dass Gott uns zuerst geliebt hat. So heißt es in 1.Johannes 4,19: „Wir lieben (ihn), weil er uns zuerst geliebt hat.“ Anstatt uns in Scham und Selbstanklage kaputtzumachen, ermöglicht uns vergebene Schuld, zu lieben.

Was Jesus in Vers 42 zur Liebe sagt, ist herausfordern. 42Wer nun von ihnen (den Schuldnern) wird ihn am meisten lieben?“

Muss man also, um Gott mehr lieben zu können, viel sündigen? So wie es Paulus in Römer 6,1-2 fragt: „Sollten wir in der Sünde verharren, damit die Gnade zunimmt?“ Seine Antwort ist: „2 Auf keinen Fall!“

Wenn wir Gott mehr lieben möchten, wird er uns den Spiegel vorhalten und uns noch deutlicher zeigen, wer wir sind und was uns vergeben wurde. (Das war der Inhalt der ersten Predigt hier in Ebnat-Kappel). Manch einer ist erst durch das Erkennen der eigenen sündhaften Veranlagung und die erlebte Vergebung einfühlsam geworden.

Spannend ist auch der Gedanke, dass nichts uns daran hindern soll, zu Jesus zu gehen. Er schickt niemanden weg. Er schenkt uns eine Zukunft – egal, wie unsere Vergangenheit ausgesehen hat.

Jesus stellt unsere Würde wieder her und sagt: Deine Sünden sind vergeben. Geh hin in Frieden!“

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