Das Kreuz

Gottesdienst 11. Februar 2024 / Hanspeter Obrist

Das zentrale Symbol des christlichen Glaubens ist das Kreuz.

Paulus schreibt in Galater 6,14: „Mir aber sei es fern, mich zu rühmen als nur des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.“

Zunächst fällt auf, dass Paulus sich seiner Erlösungsbedürftigkeit rühmt. Liegt es nicht viel näher, sich seines geistlichen Fortschritts zu rühmen?

Und dann die merkwürdige Formulierung: „Durch das Kreuz ist mir die Welt gekreuzigt und ich der Welt.“ Ist Paulus weltfremd?

In den Versen 12-13 spricht Paulus davon, dass sich manche ihrer Werke rühmen. Er aber will die Gnade Gottes immer dankbarer in Anspruch nehmen

Wenn wir Gottes Wirken durch den Heiligen Geist in unserem Leben zulassen, beginnen wir zu erkennen, dass es wirklich einen Gott gibt, der sich für uns Menschen interessiert und uns liebt.

Uns gehen die Augen auf, wer und wie Gott ist. Und plötzlich erkennen wir auch, was es bedeutet, dass Gott heilig ist und wie sündhaft wir selbst sind.

Das folgende Bild hat mir geholfen:

Die obere Linie stellt unsere Gotteserkenntnis dar. Je länger wir leben, desto mehr erkennen wir, wer und wie Gott ist. Er ist heilig. In seiner Gegenwart gibt es keine Lüge, keinen Missbrauch, keine Manipulation, keinen Vergleich, keine Abwertung, kein Denunzieren. Er ist reine Liebe und Licht – es gibt nichts zu verbergen.

Die andere Linie, die langsam abfällt, ist die Linie, die meine Sündenerkenntnis darstellt. Je länger ich lebe, desto mehr erkenne ich, wozu ich als Mensch fähig bin. Ich muss mir eingestehen, dass ich zu genau den gleichen schlechten Dingen fähig bin wie andere Menschen.

Jesus zeigt in der Bergpredigt auf (Matthäus 5,21-22), dass man Menschen auf verschiedene Arten töten kann. Auch Verleumdung zerstört ein Leben. Ebenso wenn wir Menschen meiden und ihnen aus dem Weg gehen. Schon das Beurteilen und Bewerten eines Menschen ist problematisch. Jakobus schreibt, dass wir schuldig werden, wenn wir das Gute unterlassen (Jakobus 4,17). Plötzlich wird uns bewusst, dass auch wir anderen Menschen einen Teil ihres Lebens vorenthalten, indem wir uns ihnen verweigern, anstatt sie so anzunehmen, wie sie sind, sie positiv zu ermutigen und zu fördern.

Sünde bedeutet eigentlich Verfehlung. Das Wort kommt aus der Bogensprache. Wer also nicht das lebt, wozu der Schöpfer ihn geschaffen hat, der sündigt. Paulus schreibt von Evangelisten, Lehrern, Hirten, Aposteln und Propheten (Epheser 4,11). Wer etwas anderes sein will als das, was Gott in ihn hineingelegt hat, der verfehlt das göttliche Ziel. Er lebt in „Sünde“.

Durch den Heiligen Geist erkennen wir, dass wir ohne Jesus vor Gott nicht bestehen können. Gleichzeitig zeigt er uns auch, wie Gott damit umgeht. In Johannes 16,8 heißt es: „Er (der Heilige Geist) wird den Menschen die Augen für ihre Sünde öffnen, aber auch für Gottes Gerechtigkeit und sein Gericht.“ Das erzeugt eine Spannung.

Jesus ist stellvertretend für uns gestorben und übernimmt das Gericht.

Der ganze Unterschied zwischen mir und Gott ist durch den Tod Jesu überbrückt. Der reuige Mensch findet Vergebung und das Opfer erfährt Gerechtigkeit und überlässt Gott die Wiederherstellung. Durch den Heiligen Geist können wir in Jesus Christus mit dem Vater im Himmel in Verbindung treten.

Im Laufe des Lebens wird die Kluft zwischen der Erkenntnis, wie heilig Gott ist, und der Erkenntnis, wozu ich als Mensch fähig bin, immer größer. Wenn ich das Kreuz nehme und es in der gleichen Größe wieder einsetze, stellt man fest, dass zwischen dem Kreuz und meiner Erkenntnis eine Lücke klafft. Ich habe die Vergebung Jesu angenommen, aber wie lebe ich weiter? Ich habe immer mehr das Gefühl, dass ich trotz der Vergebung, die ich erfahren habe, Gott nicht genügen kann. Was mache ich mit diesem Gefühl? Wie kann ich es zum Verschwinden bringen?

Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Eine Möglichkeit ist, dass man die Aussagen über Gott in der Bibel für sich anpasst. Man fragt nach dem historischen Jesus, nach den wirklichen Worten Jesu oder man spricht wie Marcion im 2. Jahrhundert vom „guten Gott der Liebe“ des Neuen Testaments. Gott will nur, was wir gut finden.

Eine zweite Möglichkeit ist die Beschönigung der Sünde. Dann wird der Sündenfall zum Katalysator und zur Bereicherung für den Menschen. Gott wird uns nicht zur Rechenschaft auffordern, weil er selbst die Möglichkeit zur Sünde geschaffen hat.

Eine andere Möglichkeit, dieses Gefühl zu beruhigen, ist der Vergleich mit anderen. Meistens stelle ich dann fest: Im Vergleich mit anderen stehe ich noch ganz gut da. Ja, wenn ich mir die Fehler der anderen noch einmal so richtig vor Augen führe, dann werde ich im Verhältnis immer besser. Wir reden dann gerne über die schlechten Gewohnheiten und Neuigkeiten der anderen. Im Verhältnis zu anderen sind wir ja gar nicht so schlecht. Das gibt ein gutes Gefühl.

Ich habe aber auch schon erlebt, dass Menschen genau das Gegenteil tun: Sie machen sich selbst so klein wie möglich. Dazu gehören Sätze wie: „Ich kann nichts, ich bin nichts, …“. Der gewünschte Effekt bleibt meist nicht aus: Sofort fangen die anderen an, einen aufzumuntern und zu trösten. Und das gibt einem ein richtig gutes Gefühl. Dazu gehört auch, nach Lob zu haschen oder ein Lob zu verdoppeln, indem man es negiert, anstatt einfach Danke zu sagen.

Eine andere Möglichkeit ist, dass wir mit guten Taten die Lücke füllen wollen oder uns zurückziehen, um möglichst keine Fehler zu machen.

Dennoch bleibt die Frage: „Genüge ich Gott?“ Diese Frage habe ich mir lange gestellt, bis mir durch dieses Bild plötzlich klar wurde: Jesus ist für den ganzen Unterschied gestorben.

Seine Vergebung gilt immer und ich darf sie für mich in Anspruch nehmen. Das Ziel von uns Christen ist es, die Vergebung immer dankbarer in Anspruch zu nehmen und nicht, sie immer weniger zu brauchen.

Früher habe ich gedacht, ich brauche zuerst die Vergebung Gottes, aber dann werde ich im Laufe meines Christseins ein immer besserer Mensch und brauche die Vergebung immer weniger in

Anspruch zu nehmen. Bildlich gesprochen würde dann das Kreuz immer kleiner werden. Aber das ist ein Trugschluss.

Je länger ich mit Gott lebe, desto mehr merke ich, dass ich die Vergebung Jesu immer nötiger habe, weil ich immer mehr erkenne, was Sünde ist und wie heilig Gott ist. So darf mir die Erlösung durch Jesus immer lieber werden. Mit immer größerer Freude kann ich sie in Anspruch nehmen und Gott dafür danken. Am Ende meines Lebens werde ich staunend vor Jesus stehen und ihn für die Erlösung preisen.

Adolf Schlatter formulierte das so: „Glauben an Jesus Christus heißt, bei ihm allein Hilfe suchen gegen die Sünde, Not und Tod.

Und Benjamin Berger aus Israel drückte es so aus: „Die Gemeinde ist ein Kreis von Menschen, die wissen, dass sie vor Gott nur durch die Gnade in Jesus bestehen können. Wenn das gelebt wird und spürbar ist, werden andere dazu kommen, weil sie auch frei werden wollen von ihren Sünden, Lasten und Bindungen.

Wenn Jesus uns alles vergibt, sollen wir dann munter weiter sündigen?

Ich möchte eine Gegenfrage stellen: Was machen wir nach dem Duschen? Beschmieren wir uns dann wieder mit Schmutz? Nein, aber im Alltag werden wir wieder schmutzig, und sobald wir die Möglichkeit haben, reinigen wir uns wieder.

So ist es auch mit der Sünde: Wir meiden sie, doch wir werden in unserem Alltag immer wieder Dinge tun, die am göttlichen Ziel vorbeischiessen. Das darf uns jedoch nicht entmutigen. Ich kann mit einer gesunden Gelassenheit leben, weil Jesus mir schon vergeben hat und ich die Vergebung immer wieder für mich in Anspruch nehmen kann.

So fällt es uns viel leichter, zu unseren Fehlern zu stehen, uns selbst zu vergeben, anderen zu vergeben und Vergebung zu empfangen. Wir alle leben von der Vergebung und sind auf dem Weg, veränderte Menschen zu werden.

„Der Welt gekreuzigt“ bedeutet, die menschliche Ebene des Ausgleichs und Vergleichens zu verlassen und das Leben auf der göttlichen Gnade aufzubauen.

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