Mit dem Wort „Glauben” verbinden wir unterschiedliche Dinge. Während der Fußball-WM macht es beispielsweise einen Unterschied, ob ich sage, ich glaube, dass die Mannschaft existiert, oder ob ich sage, ich glaube an die Mannschaft.
Der religiöse Begriff „Glaube” wird immer wieder in die erste Kategorie gedrängt, es geht jedoch in der Bibel um die zweite. Glauben bedeutet nicht, die Jesusgeschichten für wahr oder lehrreich zu halten, sondern darum, sich Jesus anzuvertrauen, auch wenn nicht alles so läuft, wie wir es uns vorgestellt haben.
Das sehen wir im Bericht des Hauptmanns, der in Kapernaum auf Jesus zugeht. Jesus hat für ihn lobende Worte. Er sagt über ihn: „Bei keinem in Israel habe ich so großen Glauben gefunden.“
Es lohnt sich also, diese Begegnung mit Jesus genauer unter die Lupe zu nehmen. In Matthäus 8 heißt es:
„5 Als er (Jesus) aber nach Kapernaum hineinkam, trat ein Hauptmann zu ihm, der ihn bat 6 und sprach: Herr, mein Diener liegt zu Hause gelähmt und wird schrecklich gequält.“
Der Hauptmann spricht Jesus als „Herr“ an. Das ist nicht selbstverständlich. Jesus gehört zum unterdrückten Volk, während der Hauptmann ein Vertreter der Besatzungsmacht ist. Er ist der Chef und kann Befehle erteilen. Doch er macht sich laut Matthäus selbst auf den Weg zu Jesus. Er beordert Jesus nicht in sein Haus. Er respektiert die Macht und Würde Jesu und teilt ihm lediglich seine Not mit. Umso erstaunlicher ist die Reaktion:
„7 Und Jesus spricht zu ihm: Ich will kommen und ihn heilen.
8 Der Hauptmann aber antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht würdig, dass du unter mein Dach trittst; aber sprich nur ein Wort, und mein Diener wird gesund werden.
9 Denn auch ich bin ein Mensch unter Befehlsgewalt und habe Soldaten unter mir; und ich sage zu diesem: Geh hin!, und er geht; und zu einem anderen: Komm!, und er kommt; und zu meinem Knecht: Tu dies!, und er tut es.“
Der Hauptmann ist es gewohnt, Befehle zu erteilen und Befehle selbst umzusetzen. Wenn er etwas zu seinen Untergebenen sagt, wird es umgesetzt. Er verfügt über Entscheidungs- und Handlungskompetenzen. Die auftretenden Probleme hat er im Griff.
Er kennt auch seine Grenzen, denn es gab Bereiche, in denen er selbst Befehle empfing. Da, wo jemand anderes ihm sagt, was er umzusetzen hat.
Eigentlich befindet er sich in einer sehr guten Lage. Er hat nach der Vorgeschichte in Lukas 7,1-10 auch jüdische Freunde, die sich für in einsetzen. Doch dann taucht ein Problem auf, das weder er noch seine Freunde lösen können. Er selbst ist mit seinem kranken Diener am Ende seines Lateins. Solche Situationen gibt es selbst bei starken und einflussreichen Menschen. Wir alle kennen sie.
Spannend ist die Reaktion von Jesus:
„10 Als aber Jesus es hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch, bei keinem in Israel habe ich so großen Glauben gefunden.
11 Ich sage euch aber, dass viele von Osten und Westen kommen und mit Abraham und Isaak und Jakob zu Tisch liegen werden in dem Reich der Himmel, 12 aber die Söhne des Reiches werden hinausgeworfen werden in die äußere Finsternis; da wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.
13 Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast! Und der Diener wurde gesund in jener Stunde.“
Bei diesem Hauptmann entdecken wir einige Dinge, die auch für uns hilfreich sind.
Für ihn war es klar, dass Jesus der „Herr“ ist. Er ist weder Kumpel noch Empfänger seiner Anweisungen.
Der Hauptmann beschreibt Jesus einfach seine Not. „Herr, mein Diener liegt zu Hause gelähmt und wird schrecklich gequält.“
Er, der Befehle empfängt und gibt, bringt mit seinen Worten zum Ausdruck, dass er realisiert, mit wem er es zu tun hat. Er sieht in Jesus keinen Propheten, der Gott um Heilung bitten muss. Er weiß, dass ihm in Jesus der Schöpfer begegnet.
„Sprich nur ein Wort, und mein Diener wird gesund werden.“
Jesus muss nicht Gott für den Diener des Hauptmanns bitten, sondern er hat die göttliche Autorität, ein Wort zu sprechen, und es geschieht. Andere dachten, Jesus müsse sie berühren, zu ihnen kommen oder etwas tun.
Beten bedeutet zu vertrauen, dass Gott die Möglichkeit hat, übernatürlich einzugreifen und Probleme auf seine Art und Weise zu lösen.
Der Hauptmann beruft sich auch nicht auf seine guten Werke (die Lukas beschreibt) oder auf seine Fürsorge für andere Menschen, wie die Sorge um seinen Diener zeigt.
In der Gegenwart Jesu ist ihm seine Unwürdigkeit bewusst: „Ich bin nicht würdig.“ Wo die Allmacht und Größe Gottes erkannt werden, wird zugleich die eigene Bedeutungslosigkeit eingestanden.
Der Hauptmann weiß, dass Jesus mit seinem Anliegen richtig umgehen wird. Das Wie und Wann überlässt er ihm. Jesus muss nicht in sein Haus kommen. Er muss nicht so heilen, wie es sich alle Menschen vorstellen. Auch wir können Gott überlassen, wann und wie er auf unsere Gebete antwortet.
Der Hauptmann ist aber auch nicht passiv. Er unternimmt etwas. Er wendet sich an Jesus. Er macht sich persönlich auf den Weg zu ihm. Beten bedeutet, das eigene Tun mit dem, was wir in Gottes Hände legen, zu verbinden.
Beter sind Realisten, die in ihrem Leben mit der Wirklichkeit Gottes rechnen, aber auch um ihre Grenzen und ihre Abhängigkeit wissen.
Der Hauptmann bittet auch nicht für sich selbst, sondern für seinen Nächsten. Er ist empathisch und leidet mit seinem Diener mit. Man könnte auch egozentrische Motive hineininterpretieren und es so deuten, dass er einfach möchte, dass sein Diener wieder „funktioniert”. Mit dem Wort „gequält“ kommt jedoch sein Mitleiden zum Ausdruck. Er hat schließlich die Vollmacht, noch viele Diener in seinen Dienst zu stellen. Doch zwischen ihm und seinem Diener besteht eine persönliche Verbundenheit und Fürsorge.
Jesus ist erstaunt und sagt: „Bei keinem in Israel habe ich so großen Glauben gefunden“.
Was für ein Affront gegen die um ihn stehenden Juden. Nicht bei den Schriftgelehrten, Pharisäern, Priestern oder Jüngern, sondern bei einem Nichtjuden, einem der gar nicht dazugehört, findet er diesen Glauben. Und er sagt sinngemäß: Es werden von überall Menschen kommen, die so glauben. Also Jesus als Herrn anerkennen, ihm ihre Sorgen anvertrauen, ihm vertrauen und Hilfe von ihm erwarten.
Jesus sagt das nicht, um jemanden abzustoßen, sondern um uns herauszufordern, ihm in gleicher Weise zu vertrauen und an ihn zu glauben. Er will zu einem neuen Glauben, der vertraut, ermutigen. Ein Glaube, der Jesus als Herrn anerkennt und sich nicht auf Definitionen von richtig oder falsch beschränkt.
Wie schnell passiert es, dass der Glaube zu einem System oder zur Gewohnheit wird. Nicht die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist zentral, sondern der vertrauende Glaube. Man kann dazugehören, aber den eigentlichen Kernpunkt verpassen.
Jesus verschärft diesen Gedanken noch, wenn er sagt: „Die Söhne des Reiches werden hinausgeworfen werden in die äußere Finsternis; da wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.“
Es gibt also Menschen, die zwar formell dabei sind, sich aber innerlich nicht vom göttlichen Licht entflammen lassen und finster bleiben. Für sie sind Glaubensfragen ein sich beklagen (weinen) und verbittert werden. Zähneknirschen (Bruxismus) ist im übertragenen Sinn oft ein sprachliches Bild für tiefe Verbitterung, unterdrückte Wut oder Frustration. David schreibt in Psalm 37,12: „Der Gottlose sinnt gegen den Gerechten, und mit seinen Zähnen knirscht er gegen ihn.“
Der Hauptmann offenbart einen Glauben, der in Jesus den Schöpfer sieht, der mit nur einem Wort alles verändern kann. Damit die Menschen sehen, dass Jesus den Glauben dieses Hauptmanns annimmt, wird dessen Diener augenblicklich gesund.
Jetzt könnten wir denken „Jesus mach uns doch alle gesund“. Du musst ja nur ein Wort sagen. Das ist wahr, und trotzdem ist ein Glaube, der auch in Schwierigkeiten vertraut, ein Glaube, wie er uns in der Bibel bezeugt wird.
Der Fokus der Geschichte ist nicht die Heilung. Der Fokus liegt auf dem Glauben. Da wo wir Jesus unsere Not sagen und ihm die Lösung überlassen.
Es geht um einen Glauben, der nicht in Frustration und Verbitterung endet, sondern wie bei Abraham, Isaak und Jakob auf Gott vertraut, auch wenn das Leben nicht so verläuft, wie wir es uns vorstellen. Nach Jesus sollen wir mit ihnen am Tisch sitzen und genauso wie sie in Schwierigkeiten an Gott festhalten.
Der Glaube gerät dann ins Wanken, wenn wir meinen zu wissen, wie Gott sein und handeln muss. Wo Gott zu einem Spiegelbild meiner Wünsche wird und sich das Verhältnis zwischen Herr und Diener umkehrt.
Der Hauptmann vertraut sich mit seinen Sorgen Jesus an. Er weiß, in Jesus begegnet ihm Gott. Er beklagt nicht seine Situation und knirscht nicht gegen Gott. Darin ist es uns Vorbild im Glauben. Glauben vertraut das Gott alles kann, er uns aber manchmal einen Weg des Vertrauens ohne zu sehen führt, wie die Urväter.
Ist Jesus für uns Herr oder Diener unserer Wünsche? Halten wir wie unsere Urväter auch in der Not an unserem Glauben fest?