Der letzte Sonntag vor dem ersten Advent ist der letzte Sonntag des Kirchenjahres. Die evangelischen Christen gedenken an diesem Tag der Toten. Katholiken machen dies am 2. November. Seit 1925 ist der letzte Sonntag des Kirchenjahres bei den Katholiken dem Christkönig gewidmet. Ein schönes Symbol: Am Schluss bleibt Christus als König.
Ist es noch zeitgemäß, Jesus als König zu proklamieren? Ist er nicht eher ein Rabbi, Philosoph, Kumpel, Freund, Berater oder ein Coach?
Wer ist Jesus für uns? Wir nennen ihn Jesus Christus. Dabei ist Christus nicht sein Nachname. Der Ausdruck bedeutet: Jesus ist der Christus. Christus kommt aus dem Griechischen und bedeutet Gesalbter. Im Hebräischen sagt man Messias. In der Bibel werden Könige, Priester und Propheten gesalbt.
Wer ist der eigentliche König in unserem Leben? Wer bestimmt, wo es lang geht? Manchmal sind es in einer Familie die Kinder. In einer Firma kann es ein Mitarbeiter sein. Es gibt immer wieder informelle Führer. Vielleicht sind es auch die Eltern, von denen man sich nicht gelöst hat, oder der Partner oder Freunde.
Wir in der Schweiz definieren uns gerade dadurch, dass wir keinen König haben. Wir denken, wir seien alle gleich. Spannend ist, dass sich Kirchgemeinden je nach politischem System anders organisieren.
Je nach Umfeld erklären wir den Glauben unterschiedlich. In der Schweiz werden wir Menschen kaum zuerst erklären, dass Jesus ihr König sein möchte.
In der Apostelgeschichte 17,7 wird Paulus angeklagt, weil er behauptet hat, „ein anderer König sei: Jesus“, wodurch er angeblich „gegen die Verordnungen des Kaisers“ gehandelt habe.
Das Bild, das wir heute mit einem König verbinden, ist eher eine große Show ohne Auswirkung. So ist der König in England beispielsweise eher ein Repräsentant für Verdankungen, Ehrungen und Zeremonien, hat aber keine direkten Regierungsgeschäfte.
Für manche ist Jesus vielleicht auch so etwas geworden. Er steht symbolisch für Menschlichkeit und Nächstenliebe, hat aber nichts mit meinem Alltag zu tun.
In der Bibel wird Jesus als König vorgestellt. Bileam prophezeite in 4.Mose 24,17: „Ein Stern geht auf in Jakob, ein Zepter erhebt sich in Israel.“
Im Jahr 132 brach unter Simon Bar Kosiba ein Aufstand gegen die römische Herrschaft aus. Rabbi Akiba sah in ihm den Messias, den Stern, den der Prophet Bileam über Juda aufgehen sah. So erhielt er den Namen Bar Kochba – Sohn des Sterns. Nach anfänglichen Erfolgen wurde der Aufstand im Jahr 135 jedoch von den Römern blutig niedergeschlagen.
In Daniel 7,13-14 steht: „Ich schaute in Visionen der Nacht: Und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie der Sohn eines Menschen. …14 Und ihm wurde Herrschaft und Ehre und Königtum gegeben, und alle Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergeht, und sein Königtum so, dass es nicht zerstört wird.“
Jesus bezeichnet sich selbst als Menschensohn (zum Beispiel in Matthäus 9,6 und Matthäus 24,30).
In Daniels Vision wird beschrieben, wie der Menschensohn aus dem Himmel kommt, alle Macht erhält und angebetet wird. Die hebräische Bedeutung des hier verwendeten Wortes „dienen“ ist „anbeten“.
In Jesaja 33,22 steht: „Denn der HERR ist unser Richter, der HERR unser Anführer, der HERR unser König. Er wird uns retten.“ Was von all diesen Titeln ewig bleibt, ist der König.
Der Engel Gabriel sagte zu Maria (Lukas 1,32-33): „Dieser (Jesus) wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und der Herr, Gott, wird ihm den Thron seines Vaters David geben; 33 und er wird über das Haus Jakobs herrschen in Ewigkeit, und seines Königtums wird kein Ende sein.“
Jesus sagte zu Pilatus in Johannes 18,36: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt“.
In Matthäus 28,18 sagt Jesus: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.“
Was macht der Gedanke mit uns, dass Jesus nicht nur unser Rabbi, sondern unser König ist? Gibt es einen Unterschied, wenn wir Jesus als Retter, Rabbi oder König akzeptieren?
Jesus ist nicht nur gekommen, um uns zu retten, sondern auch, um durch uns zu regieren – reagieren. Vielleicht empfinden wir es als schwierig, wenn wir erlebt haben, wie andere über uns bestimmt haben.
Jesus regiert jedoch nicht wie ein weltlicher Herrscher. In Johannes 15,14-15 sagt Jesus: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.15 Ich nenne euch nicht mehr Sklaven, denn der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe.“
In den Versen 12 und 13 sagt Jesus: „Dies ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. 13 Größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.“
Die Frage ist: Anerkennen wir Jesus als Autorität in unserem Leben, indem wir tun, was er sagt? Er braucht seine Macht nicht, um uns zu etwas zu zwingen, sondern um uns auf unserem Weg zu begleiten. Er will uns motivieren, immer mehr so zu werden, wie er es bei unserer Schöpfung für uns vorgesehen hat. Unsere von Gott gegebene Persönlichkeit soll sich entfalten.
Wir definieren uns nicht über unsere Leistungen, sondern über unser Sein. Wir sind Kinder Gottes und nicht mehr Kinder dieser Welt. Wir sind Teil seines Reiches. So verstehen wir uns als Botschafter Christi. Als solche leben wir das Reich Gottes würdevoll. Wer Jesus als König annimmt, der repräsentiert sein Reich.
Wer sitzt auf dem Thron deines Lebens?
Was bedeutet es, wenn Jesus unser Leben regiert? Sind wir dann fremdgesteuert? Lassen wir uns manipulieren, indem uns geistliche Menschen sagen, was wir machen sollen? Oder stehe ich vor dem Joghurtregal und warte auf einen inneren Eindruck, damit ich weiß, was ich nun kaufen soll? Das wäre auf der anderen Seite des Pferdes heruntergefallen.
Es geht darum, dass wir die Worte Jesu nicht infrage stellen. Wir akzeptieren, dass Gott es mit seinen Anweisungen gut meint. Jesus will nicht mit uns über seine Worte diskutieren, sondern uns ihren Sinn erklären. Gott fordert von uns Rechenschaft –er gibt uns also die Freiheit, uns für seine Anweisungen zu entscheiden. Liebe ist freiwillige Hingabe. Jesus als König akzeptieren bedeutet, das zu wollen, was Gott in uns hineingelegt hat.
Nun gehen wir Richtung Advent. Advent kommt von „advenire“, was auf Latein „Erwartung“ oder „Ankunft“ bedeutet. Wir erwarten die Ankunft des kommenden Königs.
In Psalm 24,7 steht: „Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, und erhebt euch, ihr ewigen Pforten, dass der König der Herrlichkeit einzieht!“
Daraus entstand das Adventslied von Georg Weißel:
1 Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
Es kommt der Herr der Herrlichkeit,
Ein König aller Königreich,
Ein Heiland aller Welt zugleich,
2 Sein Königskron ist Heiligkeit,
Sein Zepter ist Barmherzigkeit;
3 O wohl dem Land, o wohl der Stadt,
So diesen König bei sich hat.
Wohl allen Herzen insgemein,
Da dieser König ziehet ein.
5 Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein,
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist und führ und leit
den Weg zur wegen Seligkeit.
In Matthäus 2,1-2 heißt es: „Als aber Jesus zu Bethlehem in Judäa geboren war, in den Tagen des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise vom Morgenland nach Jerusalem, die sprachen: 2 Wo ist der König der Juden, der geboren worden ist? Denn wir haben seinen Stern im Morgenland gesehen und sind gekommen, ihm zu huldigen (anzubeten).“
Seine Geburt steht in einem krassem Gegensatz zu seinem königlichen Titel. Er lag arm in einem Futtertrog. Kein Prunk, kein Glanz. Die Geschenke der Weisen reichten gerade mal aus, um die Flucht vor dem König Herodes nach Ägypten zu finanzieren.
Jesus trug keine Krone, zog kein Schwert, führte kein Heer an und nutzte keine Machtstrukturen. Sein Reichtum kam von innen. Seine bloße Erscheinung, sein bloßes Wort haben eine Revolution in der Welt hervorgebracht, gegen die alle Revolutionen der Weltgeschichte verblassen. In Jesus setzt sich die Königsverheißung an David in alle Ewigkeit fort.
Nicht die mächtigen Herrscher bringen nachhaltige Veränderung, sondern derjenige, der sich schwach zeigt. In der Verwundbarkeit liegt eine besondere Stärke. Wer sich verwundbar zeigen kann, ist der eigentlich Starke.
Jesus als König zu akzeptieren heißt, in seine Wesensart hineinzuwachsen. Jesus ist nicht gekommen, um zu beherrschen, sondern um zu dienen, damit wir uns ihm freiwillig hingeben.