Nächster sein

Ein Gesetzeslehrer fragt Jesus: „Was ist der Schlüssel zum ewigen Leben?“

Auf die Gegenfrage, was im Gesetz stehe, antwortet er: „Liebe zu Gott und dem Nächsten.“ Das ist die Zusammenfassung des ersten Teils der Bibel. Jesus fasst das auch zweimal so zusammen (Markus 12,30 / Matthäus 22,37). Spannend ist, dass dies auch für jüdische Gelehrte klar war. Ewige Liebe ist der Fokus und nicht eine bestimmte Handlung.

Doch der Mann will sich gleich seiner Verantwortung entziehen. Er möchte den Minimumfaktor wissen. Er möchte wissen, was er tun muss.

Daraufhin erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dabei geht es nicht in erster Linie um Krankenpflege, sondern um die Haltung gegenüber anderen Menschen.

Der Priester (Vollzeiter) und der Levit (Tempeldiener / Mitarbeiter) hatten vielleicht Angst, nicht mehr kultisch rein zu sein. Wer einen Toten berührt, ist sieben Tage unrein (4.Mose 19,11). Doch beide waren nicht auf dem Weg zum Tempeldienst, sondern auf dem Weg nach Hause. Von ihnen hätte man die Umsetzung des Gebots der Nächstenliebe erwartet.

Der Samariter war auf Geschäftsreise. Er erbarmte sich des überfallenen Juden, obwohl sich diese beiden Volksgruppen gegenseitig ignorierten. Er brachte ihn in die Herberge (Karawanserei) in der er in dieser Gegend übernachten musste (weil ihn sonst niemand aufnahm) und war auch bereit, weitere Kosten bei seiner Rückreise zu übernehmen.

In der Geschichte des barmherzigen Samariters geht es nicht um Krankenpflege, sondern darum, meine Geschäftigkeit für einen Menschen, dem ich begegne und der meine Hilfe braucht, zu unterbrechen.

Mein Nächster ist nicht eine Person meiner Wahl. Ich muss keinen Auftrag suchen und damit etwas erfüllen. Vielmehr werde ich ein Nächster durch mein verändertes Verhalten gegenüber den Menschen, denen ich begegne. Wer Gott liebt, liebt auch die Menschen.

Sogar dann, wenn sie mir gegenüber feindlich gesinnt sind. Gewöhnlich hatten die Juden keinen Umgang mit den Samaritern (vgl. Johannes 4,9). Sie verachteten die Art ihrer Glaubenstradition. In der rabbinischen Literatur heißt es sogar: „Wer das Brot der Samariter isst, ist wie einer, der das Fleisch des Schweins isst“ (Mischna Shebiith 8:10).

Indem sich der Samariter einem sterbenden Mann näherte, riskierte er die gleiche Verunreinigung wie die Juden. Auch sie orientieren sich nach der Torah (5.Bücher Mose).

Bei der Frage nach dem ewigen Leben geht es also nicht um eine Pflicht, die erfüllt sein muss, sondern darum, ob ich mich verändere und meinen Glauben lebe. Ich muss nicht etwas Bestimmtes tun, sondern Nächster sein. In Matthäus 7,12 sagt Jesus: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.“ 

Hilfe ist ein Puzzleteil und kein lebenslanger Auftrag. Der Samariter zahlte zwei Tage Lohn für die Pflege.

Spannend ist auch die Antwort des Gesetzeslehrers. Er nahm das Wort „Samariter“ nicht in den Mund.

Der barmherzige Samariter

Lukas 10,25-37

25 Und siehe, ein Gesetzesgelehrter stand auf und versuchte ihn und sprach: Lehrer, was muss ich getan haben, um ewiges Leben zu erben? 
26 Er aber sprach zu ihm: Was steht in dem Gesetz geschrieben? Wie liest du?
27 Er aber antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand (5.Mose 6,5) und deinen Nächsten wie dich selbst (3.Mose 19,18).«
28 Er sprach aber zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu dies, und du wirst leben.
29 Indem er aber sich selbst rechtfertigen wollte, sprach er zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?
30 Jesus aber nahm das Wort und sprach: Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter Räuber, die ihn auch auszogen und ihm Schläge versetzten und weggingen und ihn halb tot liegen ließen.
31 Zufällig aber ging ein Priester jenen Weg hinab; und als er ihn sah, ging er an der entgegengesetzten Seite vorüber.
32 Ebenso aber kam auch ein Levit, der an den Ort gelangte, und er sah ihn und ging an der entgegengesetzten Seite vorüber.
33 Aber ein Samaritaner, der auf der Reise war, kam zu ihm hin; und als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt; 34 und er trat hinzu und verband seine Wunden und goss Öl und Wein darauf; und er setzte ihn auf sein eigenes Tier und führte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn.
35 Und am folgenden Morgen zog er zwei Denare heraus und gab sie dem Wirt und sprach: Trage Sorge für ihn! Und was du noch dazu verwenden wirst, werde ich dir bezahlen, wenn ich zurückkomme.
36 Was meinst du, wer von diesen dreien der Nächste dessen gewesen ist, der unter die Räuber gefallen war?
37 Er aber sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm übte. Jesus aber sprach zu ihm: Geh hin und handle du ebenso!

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