Gottes Inkarnation in Jesus

Gottesdienst 18. Februar 2024 / Hanspeter Obrist

Muslime verstehen Jesus, oder Isa, wie sie ihn nennen, als Propheten. Juden interpretieren Jesus bestenfalls als Rabbi für Nichtjuden. Der Jünger Thomas sagt: „Mein Herr und mein Gott“. Warum ist die Frage nach der Inkarnation für uns wichtig? Was sagt Jesus über sich selbst?

Im Radio gestalte ich eine Serie über die Offenbarung. In Offenbarung 10 wird aus einem geheimnisvollen Buch eine siebenfache Botschaft verkündet. Die Botschaft ist süß wie Honig, aber schwer zu verdauen. Es wird auch berichtet, dass dann das Geheimnis Gottes vollendet sein wird. Paulus schreibt in Kolosser 2,2: „das Geheimnis Gottes …, das Christus ist“.

Das brachte mich auf den Gedanken, welche sieben Aussagen über Jesus auf den ersten Blick süß, aber schwer verdaulich sind.

Die Erste ist, dass uns in Jesus Gott begegnet.

Das ist zunächst einmal eine ermutigende Botschaft. Wir haben es mit einem Gott zu tun, der nicht irgendwo weit weg und unerreichbar für uns ist. Gott besucht uns Menschen. Er interessiert sich dafür, wie es uns geht.

Johannes schreibt: «Das Wort wurde Mensch und lebte unter uns. Wir selbst haben seine göttliche Herrlichkeit gesehen, eine Herrlichkeit, wie sie Gott nur seinem einzigen Sohn gibt. In ihm sind Gottes Gnade und Wahrheit zu uns gekommen» (Johannes 1,14 Hfa).

Jesus hat nicht eine Botschaft von Gott empfangen. Er selbst ist die Botschaft. In ihm begegnet uns Gott. Er lebt, was Gott auf dem Herzen liegt. Jesus ist nicht vergöttlicht worden, sondern in ihm ist Gott Mensch geworden, was das Wort Inkarnation (Fleischwerdung) ausdrückt.

Er kennt alle unsere menschlichen Fragen. Er weiß auch, was dich und mich bewegt. Das ist sehr ermutigend und tröstlich.

Manche Menschen haben Schwierigkeiten damit, dass Gott Mensch werden kann. Im Internet wird der Aussage: «Jesus ist Gott» oft widersprochen.

Auch die Christen der ersten Jahrhunderte konnten nicht logisch erklären, wie jemand Gott und Mensch zugleich sein kann. In den Konzilen wurde viel darüber diskutiert.

Heute stellen Muslime im Internet immer wieder die Frage: Wie kann Gott zu sich selbst beten? Im Bibel-Treff haben wir in der Apostelgeschichte 1 gelesen, dass Jesus sich durch den Heiligen Geist leiten ließ und dass nur der Vater im Himmel weiß, wann Jesus wiederkommt. Wenn Jesus Gott ist, müsste er doch alles wissen.

In der Sonntagszeitung vom 2. Dezember 2013 war zu lesen: «Bei der Frage nach dem „Wie“ der Menschwerdung Gottes kapitulieren viele Theologen und Bibelwissenschaftler».

Die Theologin Margot Käßmann argumentierte in einem Zeitungsinterview, dass die Vorstellung von der Jungfrauengeburt überholt sei. Die historisch-kritische Bibelforschung habe gezeigt, dass es sich ganz einfach um eine junge Frau gehandelt habe.

Für Eugen Drewermann ist die Jungfrauengeburt kein historisches Ereignis. „Jesus ist als Mensch gezeugt und geboren wie jeder andere Mensch auch. Ungewöhnlich war nicht seine Geburt, sondern sein Leben.“

Langsam setzt sich bei vielen die Auffassung durch, dass Jesus ein ganz normaler Mensch war, der von seinen Jüngern beraten und gefördert wurde.

Wenn Jesus ein Mensch mit einem göttlichen Auftrag ist, dann ist er ein Prophet wie Mose, Elia oder Elisa. Dann sind auch seine Worte relativ und können zeitgeschichtlich interpretiert werden. Es mag sein, dass seine Worte damals eine Bedeutung hatten, heute haben wir uns aber weiterentwickelt, wird argumentiert.

Manche weisen auch darauf hin, dass Jesus nie gesagt habe, er sei Gott.

Wie würdet ihr darauf antworten?

In einer Diskussion mit seinen Zuhörern sagte Jesus, dass sein Vater Gott ist. In Johannes 8,54-55 (ELB) steht: Mein Vater ist es, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott. Und ihr habt ihn nicht erkannt, ich aber kenne ihn.“

Mit dem Hinweis auf Abraham eskaliert dann die ganze Diskussion in Johannes 8. Die Zuhörer wollen Jesus wegen Gotteslästerung steinigen.

Sie fragen ihn: „Du willst Abraham gesehen haben? (Vers 57). Zuvor hat Jesus gesagt: „Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich“ (Vers 56). Für die Zuhörer ist klar, dass Jesus damit sagen will, dass er der dritte Mann war, der Abraham in 1. Mose 18 erschien und als Gott (JHWH) bezeichnet wird.

Wenn Abraham Jesus getroffen und gesehen hat, dann muss Jesus der Gottmensch gewesen sein. Die Reaktion der Zuhörer entspricht genau dieser Erkenntnis. Warum sonst reagieren sie so erregt und wollen Jesus steinigen?

In Jesus begegnet uns der unsichtbare Gott. In ihm hat sich Gott den Menschen durch alle Zeiten hindurch offenbart.

Das Herausfordernde ist: Gott ist nicht nur in Menschengestalt erschienen, sondern er wurde als Mensch geboren. Gott will die Perspektive des Menschseins erfahren, das Menschsein verstehen und zeigen, wie der Mensch in Gemeinschaft mit Gott leben kann. In Jesus beschränkt sich Gott auf die menschlichen Möglichkeiten und lebt uns ein Leben des Vertrauens vor.

Für das Umfeld von Jesus ist es undenkbar, dass der göttliche Erlöser als Mensch geboren wird.

In Johannes 7,27 diskutieren die Zuhörer, ob Jesus der versprochene Retter ist. Doch dann sagen sie: „Er kann es doch gar nicht sein! Schließlich kennen wir seine Herkunft. Wenn der Christus kommt, wird niemand wissen, woher er stammt« (Hfa).

Es gibt in der Bibel aber einen spannenden Link.

Gott sagte zu Abraham, als er ihm die unmögliche Geburt Isaaks ankündigte: „Ist denn beim HERRN etwas unmöglich?“ (1.Mose 18,14). Wörtlich heißt es dort: «Kein Wort, das von Gott kommt, wird kraftlos sein».

Genau diese Worte sagte auch der Engel Gabriel zu Maria, als er ihr die unmögliche Geburt Jesu ankündigte: „Denn kein Wort, das von Gott kommt, wird kraftlos sein“ (Lukas 1,37 ELB).

Gott kann sich in Jesus auf die menschlichen Möglichkeiten beschränken.

Weiter wird immer wieder argumentiert, Gott könne doch nicht an zwei Orten gegenwärtig sein.

Auch das finden wir schon im ersten Teil der Bibel:

In 2.Chronik 7,1-2 (ELB) heißt es bei der Einweihung des Tempels: „Die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus. 2 Und die Priester konnten nicht in das Haus des HERRN hineingehen, denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus des HERRN.“

In Vers 14 sagt Gott dann: „Ich werde vom Himmel her hören“. Und in Vers 16: „Meine Augen und mein Herz sollen dort (im Tempel) sein alle Tage.“

Gott kann zugleich im Himmel und hier auf der Erde gegenwärtig sein.

In 1.Mose 19,24 heißt es: «Der HERR (JHWH) ließ auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen, vom HERRN (JHWH), vom Himmel herab.» Gott kann vor Abraham stehen und gleichzeitig im Himmel gegenwärtig sein.

Gott hat mehr Dimensionen, als in unser menschliches Denkschema passen. Übrigens spricht die Wissenschaft heute schon davon, dass es mehr Dimensionen geben muss, als wir Menschen wahrnehmen können.

„Ist denn beim HERRN etwas unmöglich?“ (1.Mose 18,14).

Wir können nicht menschlich erklären, wie Gott uns in Jesus begegnet. Könnten wir es erklären, dann würden wir uns auf der Ebene Gottes bewegen. Alle menschlichen Versuche Gott zu erklären, scheitern.

Jesus sagt in Johannes 14,20, dass der Heilige Geist in uns bewirkt, dass wir annehmen können, dass Jesus und der Vater eins sind. Mit unserer Logik erklären können wir es nicht.

Ein Muslim hatte Schwierigkeiten mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist und wehrte sich gegen den christlichen Glauben. Dann hatte er eine Gotteserfahrung und wurde Christ. Als ein Christ, der ihn schon lange kannte, ihn fragte, was er nun von der Dreieinigkeit halte, antwortete er: Diese Frage sei für ihn nun nicht mehr relevant.

Mit der Hilfe des Heiligen Geistes können wir annehmen, dass uns in Jesus Gott begegnet, auch wenn wir es nicht logisch erklären können.

Jesus hat auch ein zweites Mal deutlich gemacht, dass er Gott ist. In Johannes 10,11 sagte Jesus: „Ich bin der gute Hirte.“ Anschließend wollen ihn seine Zuhörer steinigen.

Was ist an diesem Bild so anstößig?

In Hesekiel 34 heißt es: „11 So spricht der Herr, HERR: Siehe, ich bin es, und ich will nach meinen Schafen fragen und mich ihrer annehmen. 12 Wie ein Hirte sich seiner Herde annimmt … ich werde sie retten. … 15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich selbst will sie lagern, spricht der Herr, HERR. 16 Das Verlorene will ich suchen und das Versprengte zurückbringen, und das Gebrochene will ich verbinden, und das Kranke will ich stärken.“ (ELB).

Gott ist der gute Hirte. Mit den Worten: Ich bin der gute Hirte, sagt Jesus: Ich bin Gott. Deshalb heißt es in Johannes 10,31: „Da hoben die Juden wiederum Steine auf, um ihn zu steinigen. … 33 du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.“ (EU).

Zentral ist, dass Gott uns in Jesus begegnet. Seine Worte haben göttliche Autorität. Er spricht in der ersten Person: Ich sage euch und nicht Gott hat zu mir gesagt, ich solle euch das und das sagen. Seine Auslegung der Heiligen Schrift zeigt uns die wahre Bedeutung der biblischen Aussagen.

Es ist sehr zentral, wer Jesus für uns ist. Johannes schreibt in 1.Johannes 4,2 (ELB): „Hieran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der Jesus Christus, im Fleisch gekommen, bekennt, ist aus Gott“.

Jesus sagt in Johannes 8,42: „Wenn Gott euer Vater wäre, würdet ihr mich lieben; denn von Gott bin ich ausgegangen und gekommen. Ich bin nicht von mir aus gekommen, sondern er hat mich gesandt.“

Die Liebe zum göttlichen Jesus ist der Angelpunkt des christlichen Glaubens. Wir können über Gott und die Welt diskutieren, doch die Frage, wer Jesus für uns ist, wirkt sich auf unser ganzes Leben aus.

Thomas bekennt: „Mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20,28 / ELB). Die angebrachte Haltung zu Jesus ist respektvoll, würdevoll und voll vertrauen.

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